Gestaltung in Rumänien
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Fürst verweigerte die Durchführung dieses Beschlusses, befreite die
Bauern durch einen Staatsstreich und erliest ohne Zustimmung der
Kammern am 24. August 1864 ein Gesetz, durch welches die Bauern
Eigentümer der von ihnen bebauten Scholle wurden. 463564
Bauern erhielten, je nachdem sie mit 4 oder 2 Ochsen spannfähig
oder nicht spannfähig waren, in der Walachei je 5,5, 3,9 beziehungs
weise 2,3, und in der Moldau 7,9, 5,7, beziehungsweise 3,6 ha im
Gesamtausmatze von 1737714 ha gegen eine an den Grundbesitzer
binnen 15 Jahren in Raten zu zahlende Entschädigung von je 663,
426, beziehungsweise 302 Lei als freies, jedoch durch 30 Jahre un-
veräutzerliches und unverpfändbares Eigentum. Die letztere Frist
wurde in der Folge verlängert. Durch spätere Gesetze aus den Jahren
1878,1881,1884,1886,1892 und 1896 erlangten im Wege der Parzel
lierung der Staatsdomänen noch 163995 Bauern Anteile von je
6 ha im Gesamtausmatze von 764363 ha; doch Hielt das Wachstum
der Bodenfläche mit der Vermehrung der Bauern nicht gleichen
Schritt. Zuletzt gehörten, wie oben erwähnt wurde, 920939 Bauern
3163646 ha an, so dast im Mittel auf eine Bauernwirtschaft nur
3,3 ha, also das Minimum der ehemaligen Cuzaschen Dotation
entfiel, und die Lage der Bauern sich noch ungünstiger gestaltete,
als nach der allgemein als unzulänglich anerkannten Agrarreform
des Jahres 1864. Das ungenügende Ackerland und der gänzliche
Mangel an Weide und Wald, an denen die Bauern kein Nutzungs
recht, geschweige denn einen Anteil erhielten, verursachten wieder
holte Bauernaufstände, die alle blutig niedergeschlagen wurden.
Der letzte Aufstand vom Jahre 1907 veranlatzte den König Carol,
durch eine Botschaft einschneidende agrarische Reformen in Aus
sicht zu stellen. Von ihnen ist bisher nur eine, zum Teil allerdings
auf dem Papier gebliebene, Änderung des Gesetzes über die land
wirtschaftlichen Verträge, welche die Bauern vor Auswucherung,
Ausbeutung und Vergewaltigung schützen soll, sowie die Errichtung
einer Parzellierungsbank verwirklicht, welche mit einem Gewinne von
nahezu 700000 Lei den Bauernbesitz um 1902 Parzellen von je 5 ha
vermehrt hat. Die wichtigste Reform, die teilweise Expropriierung
der Latifundien, die eine Änderung der Verfassung erheischt und
der zuliebe eine Konstituante zusammentrat, ist nicht einmal zu
einem Entwürfe gediehen. Der Ausbruch des Krieges hat sie wohl
auf unbestimmte Zeit aufgeschoben. Mangels ihrer Durchführung
verbleibt der rumänische Bauer in seinem bisherigen Elend. Trotz
60jähriger verfassungsmäßiger Freiheit führt die rumänische Land
bevölkerung, und sie macht 82 % der gesamten Volkszahl aus,
dieselbe Eristenz, wie zur Zeit der türkischen Herrschaft, ja der
römischen Eroberung Daciens. Schlecht untergebracht, mangel-