Full text : Wirtschaftspolitisches Handbuch von Rumänien

Sprache  und  Eigenart

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Worte  vor.  Erst  vom  16.  Jahrhundert  an  kommt  das  Rumänische
in  der  Schrift,  in  Kirchenbüchern  mit  zyrillischen  Lettern  vor;  doch
werden  seit  den  60  er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  nur  mehr  die
lateinischen  Lettern  angewendet.  So  wie  sie  heute  ist,  weist  die
rumänische  Sprache  einen  romanischen  Bau  und  einen  überwiegend ­
  romanischen  Wortschatz  auf  und  unterscheidet  sich  hierdurch
trotz  zahlreicher  Anleihen  aus  dem  Slavischen,  dem  Türkischen  und
dem  Ungarischen  von  den  Sprachen  aller  benachbarten  Völker.
Ebenso  verschieden  ist  auch  die  Eigenart  des  rumänischen
Volkes;  sie  hat  nichts  gemein  mit  jener  seiner  russischen,  ruthenischen,
tartarischen,  ungarischen,  serbischen  und  bulgarischen  Nachbarn.  Der
Rumäne  ist  durch  Sprache,  Charakter,  Sitte  und  Tradition  von
ihnen  allen  geschieden.  Von  den  Städten  mit  ihrem  internationalen ­
  Firniß  abgesehen,  zeigt  sich  in  Rumänien  überall  eine  strenge
Sonderart  im  Stil  des  Hauses,  in  der  Kleidung,  in  der  Wirtschaft,
und  sogar  in  der  Haltung  und  im  Charakter  der  Bewohner.  Das
rumänische  Landvolk,  der  alleinige  Träger  der  nationalen  Eigenart,
sieht  kräftig  aus.  Gang  und  Haltung  sind  fest,  gemessen,  zurückhaltend. ­
  Seine  Art  zu  reden  ist  ruhig,  gesetzt,  bilder-  und  gedankenreich. ­
  Unbeirrbar  ist  sein  Gleichmut,  den  nichts  auch  nur  verwundern
kann.  Im  Kampfe  ist  es  tapfer,  ausdauernd  und  dem  jeweiligen
Kriegsherrn  treu  bis  in  den  Tod.  Seine  Anspruchslosigkeit  übersteigt ­
  jeden  Begriff;  es  ist,  als  ob  es  auf  alles  verzichten  könnte.
Trotz  seiner  Dürftigkeit  hängt  es  an  der  Scholle.  Auswanderer
finden  das  Leben  in  der  Fremde  schwer  und  kehren  bald  zurück.
Der  Rumäne  arbeitet  ganz  ordentlich,  aber  die  Arbeit  macht  ihm
keine  Freude;  denn  er  weiß  von  den  Vorfahren,  daß  seit  Jahrhunderten ­
  die  Frucht  ihm  doch  nicht  zufällt.  Den  raffinierten
Mitteln  des  modernen  Lebens  gegenüber  ist  er  hilflos  wie  ein  Kind,
aber  er  ist  auch  wie  ein  Kind  reich  an  Gemüt  und  empfänglich  für
das  Gute.  Ihm  fehlt  nur  die  Aufklärung  und  das  Selbstbewußtsein
Klügeren  und  Mächtigeren  gegenüber.  Wo  sich  nur  eine  Spur  von
Freiheit  und  wirtschaftlicher  Selbständigkeit  erhalten  hat,  wie  bei
den  Rezeschen  und  den  Bergbewohnern,  findet  sich  eine  geradezu
aristokratisch-patriarchalische  Würde,  lebhafter  Familiensinn,  Rechtschaffenheit ­
  und  ein  ausgesprochenes  ursprüngliches  Ehrgefühl  vor.
Mit  dem  Selbstbestimmungsrechte,  das  ihm  die  Landesverfassung  seit
30  Jahren  gegeben  hat,  weiß  das  Landvolk  sich  nicht  abzufinden.
Es  ist  bisher  außerhalb  ihres  Rahmens  geblieben.  Für  die  Träger
des  Selbstbestimmungsrechtes,  die  Politiker,  hat  es  nur  Mißtrauen. ­
  Sein  Heil  erwartet  es  ausschließlich  vom  Herrscher*).

*)  Dgl.  v.  Düngern,  Rumänien,  Eotha  1916.
            
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