Türkenkriege u. spanischer Erbfolgekrieg; Osterreich europ. Großmacht. 575
Hauses Habsburg in Italien. Denn nun wurde im Sommer
1707 zu Mailand auch Neapel gewonnen; in leichtem Feld—
zuge, an dem von deutschen Völkern u. a. auch die protestan⸗
tischen Brandenburger fleißig teilnahmen: mit Jubel wurden
die deutschen Befreier in Neapel empfangen.
War es nicht, nach den Siegen des kaiserlichen Österreichs
in Ungarn, wiederum noch einmal wie ein Stück Auflebens
der schönen deutschen Kaisertage des Mittelalters? Als Nach—
folger der Ottonen, Salier und Staufer erschien Joseph J.
Und um die Ähnlichkeit voll zu machen: auch die alten Kon—
flikte stellten sich alsbald wie ein zeitloser Restbestand ver—
gangener Jahrhunderte wieder ein. Vor allem der Papst
empfand sich als bedrückt. Hatten nicht Protestanten den
Boden des Kirchenstaates betreten, nicht lutherische Ketzer vor
Rom gepredigt? Und auch die Katholiken gingen wenig glimpflich
um mit dem Erbteil des heiligen Petrus. So wappnete sich
denn Clemens XI. mit geistlichem und weltlichem Widerstand,
und auf dem Platze vor St. Peters Dome blähte sich im
Winde noch einmal die Kriegsfahne einer Schlüsselarmee mit
der Aufschrift „Domine defende causam tuam!“ Aber die
alten Zeiten waren dennoch vorüber. Da war niemand, der
das Wort des Herrn hörete — selbst die Kardinäle wollten
wohl für Christi Dienst, nicht aber für das Patrimonium
Petri sterben; der Kaiser aber fuhr grob drein wie ein alter
Staufer, und das Furchtbarste, eine Besetzung der heiligen
Stätten Roms durch Protestanten drohte. So blieb dem Papst
nichts übrig, als sich zu fügen; am 15. Januar 1709, eine
Stunde vor Ablauf eines grausam gesiellten Ultimatums, hat
er mit dem Kaiser seinen Frieden gemacht und Karl III. als
König sowie Neapel als in habsburgischer Gewalt stehend
anerkannt.
Woher aber dieser zähe Widerstand gegen den Kaiser im
Gegensatze zu dem, was in zwei verflossenen Jahrhunderten
die Päpste sich von Spanien und Frankreich hatten bieten
lassen? Der Kaiser war gewißlich ein guter Katholik — aber
zugleich ein Deutscher, der Beherrscher jener natio philosophica
37*