Full text: Fortschritt und Armut

Bevölkerung und Unterhaktsmittel. 
Buch II. 
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konnte, war im Besitz von Fürsten, die wenig besser als in dem Lande 
einquartierte Räuberhauptleute waren, oder im Besitz ihrer Pächter 
und Günstlinge, und wurde in nutzlosem oder schlimmerem als nutzlosem 
Luxus verschwendet, während die in künstlichen und furchtbaren Aber 
glauben versunkene Religion über die Geister dieselbe Tyrannei ausübte, 
wie die physische Gewalt über die Körper der Menschen. Unter solchen 
Verhältnissen waren die einzigen Künste, die fortschreiten konnten, die 
jenigen, welche der Pracht und dem Luxus der Großen dienten. Die 
Elefanten der Rajahs strahlten von Gold in köstlichster Verarbeitung 
und die Sonnenschirme, welche ihre königliche Macht ausdrückten, 
glitzerten von Edelsteinen; aber der Pflug des Bauern war nur ein 
zugespitzter Stab. Die Frauen des fürstlichen parems hüllten sich in 
Musseline, so fein, daß sie den Namen „gewobener wind" erhielten, 
aber die Werkzeuge der Handwerker waren von ärmlichster und rohester 
Art, und der Pandel konnte gewissermaßen nur auf Schleichwegen 
betrieben werden. 
Ist es nicht klar, daß diese Tyrannei und Unsicherheit den Mangel 
und die Aushungerung Indiens verursacht haben, und daß nicht, wie 
Buckle meint, der Druck der Bevölkerung auf die Unterhaltsmittel den 
Mangel erzeugt, und der Mangel wieder die Tyrannei erzeugt hat*)? 
William Tennant, ein Kaplan im Dienste der ostindischen Kompagnie, 
sagte im Jahre zwei Jahre vor der Veröffentlichung des „Ver 
suchs über die Bevölkerung": 
„Bedenkt man die große Fruchtbarkeit Indiens, so ist das häufige Erscheinen 
von Hungersnot erstaunlich. Dffenbar rührt dies von keiner Unfruchtbarkeit des Bodens 
oder Klimas her; das Übel muß irgendeiner politischen Ursache zugeschrieben werden, 
und es erfordert nur geringen Scharfblick, dasselbe in der Habgier und den Erpressungen 
der verschiedenen Regierungen zu entdecken. Der große Sporn des Gewerbfleißes, 
die Sicherheit, ist genommen. Deshalb baut niemand mehr Korn, als gerade nötig 
für ihn selbst ist, und das erste ungünstige Jahr verursacht eine Hungersnot. 
„Die Regierung der Großmoguls bot zu keiner Zeit dem Fürsten volle Sicher 
heit, noch weniger seinen Vasallen, und nur die allernotdürftigste den Bauern. Sie 
war ein fortwährendes Gewebe von Gewalttat und Empörung, Verrat und Be 
strafung, unter welchem weder der Handel noch die Künste gedeihen, noch der Ackerbau 
das Ansehen eines Systems annehmen konnten. Der Sturz dieser Dynastie veranlaßte 
einen noch betrübenderen Zustand, denn Anarchie ist schlimmer als Ukißregierung. 
Schlecht wie die mohammedanische Regierung war, die europäischen Nationen haben 
nicht das Verdienst, sie gestürzt zu haben. Sie fiel unter dem Gewicht ihrer eigenen 
Verdorbenheit, und es war ihr schon die vielartige Tyrannei kleiner Häuptlinge gefolgt, 
deren Recht zu herrschen in ihrem Verrat gegen den Staat bestand, und deren Erpres 
sungen so grenzenlos wie ihre Habsucht waren.Die Abgaben an die Regierung wurden 
und werden, wo Eingeborene herrschen, noch jetzt zweimal im Jahr von erbarmungs- 
*) Geschichte der Zivilisation, Buch I, Kap. 2. In diesem Kapitel hat Buckle eine 
große Menge von Beweisen für die uralte Unterdrückung und Erniedrigung des indischen 
Volkes gesammelt, und er schreibt, geblendet durch die von ihm angenommene und zum 
Grundstein seiner Theorie über die Entwicklung der Zivilisation gemachte Malthussche 
Lehre, diesen Zustand der Leichtigkeit zu, mit welcher dort Nahrungsmittel erzeugt werden 
.können.
	        
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