Full text: Fortschritt und Armut

Rax. III. Folgerungen aus Analogien. ^07 
wird von Malthus bis zu den Lehrbüchern der Gegenwart beständig 
angeführt, unr zu beweisen, daß die Bevölkerung gleichfalls gegen ihre 
Unterhaltsmittel zu drängen strebe und daß, wenn sie nicht durch andere 
Mittel eingeschränkt würde, ihre natürliche Vermehrung notwendig 
niedrigen Lohn und Mangel oder (wenn das nicht genügt und die Ver 
mehrung noch weiter fortfährt) unausbleibliche Hungersnot herbei 
führen müsse, so daß sie dadurch innerhalb der Grenzen des Lebens 
unterhalts gehalten werde. 
Aber ist diese Analogie zutreffend? Aus dem Pflanzen- und Tier 
reiche entnimmt der Mensch seine Nahrung, und die größere Stärke 
der Reproduktionskraft in jenen Reichen beweist daher einfach, daß die 
Nahrungsmittel schneller zuzunehmen vermögen als die Bevölkerung. 
Beweist nicht die Tatsache, daß alle die Dinge, die zu des Menschen 
Erhaltung dienen, sich vielfach —> einige von ihnen viel tausend-, andere 
viel Millionen- und selbst billionenfach —> zu vermehren imstande sind, 
während er seine Anzahl nur verdoppelt, beweist diese Tatsache nicht, 
daß die Bevölkerungszunahme nie die Unterhaltsmittel überschreiten 
kann, wenn das Menschengeschlecht sich auch bis zum äußersten Umfange 
seiner Reproduktionskraft vermehrt? Dies muß einleuchten, wenn man 
sich erinnert, daß zwar im Pflanzen- und Tierreich jede Art, kraft ihrer 
Reproduktionsfähigkeit, natürlich und notwendig gegen die Bedingungen 
drängt, welche ihre weitere Vermehrung beschränken, diese Bedingungen 
jedoch nirgends festgesetzt und endgültig sind. Reine Art erreicht die 
äußerste Grenze des Bodens, des Wassers, der Luft und des Sonnen 
scheins, aber die wirkliche Grenze einer jeden liegt in dem Dasein anderer 
Arten, ihrer Rivalen, ihrer feinde, oder ihrer Nahrung. So kann der 
Mensch die Bedingungen, welche das Dasein der ihm zur Nahrung 
dienenden Arten beschränken, weiter ausdehnen (und in einigen Fällen 
wird sein bloßes Erscheinen dies bewirken), und so eilen die Reproduktions 
kräfte der seine Bedürfnisse befriedigenden Arten, anstatt gegen ihre 
früheren Grenzen anzustürmen, in seinem Dienste mit einer Schnellig 
keit voran, mit der seine eigenen Vermehrungskräfte nie Schritt halten 
können. Schießt er nur Habichte, so vermehrt sich das eßbare Geflügel; 
fängt er nur Füchse, so vervielfältigen sich Hasen und Raninchen; die 
Biene folgt dem Menschen in die Wildnis, und von den organischen 
Stoffen, mit denen des Menschen Gegenwart die Flüsse füllt, nähren 
frch die Fische. 
Wenn aber auch jede Betrachtung von unendlichen Ursachen aus- 
geschlossen wird, wenn man selbst nicht annehmen dürfte, daß die hohe 
und beständige Reproduktionskraft in pflanzen und Tieren den Zweck 
hat, sie den Bedürfnissen des Menschen dienstbar zu machen, und daß 
deshalb der Druck der niederen Formen des Lebens gegen die Unter 
haltsmittel nicht beweist, es müsse mit dem Menschen, „dem Gipfel 
und der Rrone aller Dinge", sich ebenso verhalten, so bleibt doch noch 
em weiterer Unterschied zwischen dem Menschen und allen anderen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.