Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

4. Die Reklame. 
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Ganz gewaltig hat im inländischen und im internationalen Handel das Aus 
senden von Prospekten und Preisverzeichnissen zugenommen. 
Allein die weitaus verbreitetste und wichtigste Form der Reklame ist die der 
Zeitungsanzeige. 
Anfänglich in ganz bescheidener und schüchterner Rolle zurückstehend, beherrscht 
heutzutage die Anzeige, das Inserat, die meisten Zeitungen stofflich und wirtschaftlich. 
Ja viele Menschen halten und lesen Zeitungen um der Anzeigen willen, und es gibt 
bei uns, wo die Anzeigen meist dem Texte folgen, wohl wenig Menschen, insbesondere 
aber wenig Frauen, die, wenn sie überhaupt Zeitungen lesen, nicht wenigstens die 
Lokalzeitungen von hinten zu lesen begännen. 
Bei uns, wie gesagt, pflegen, wenigstens in politischen Zeitungen, die Anzeigen 
teile vom Text durch den bekannten „Strich" getrennt zu sein. Bisweilen verschafft 
sich eine dann besonders hoch zu vergütende Reklame ihren Platz über dem „Strich". 
In den politischen Zeitungen anderer Länder, namentlich Großbritanniens, ist das 
Gebiet der Reklame vom Texte weniger scharf abgegrenzt und daher das „Vonhinten- 
lesen" weniger angebracht. In Pariser Blättern, wie bekannt und neuerdings in 
dem hübschen Buche „Paris" von Walter Gensel gut geschildert, spielen die eigentlichen 
Anzeigenteile eine ganz bescheidene Rolle; aber die Textseiten sind voll der raffi 
niertesten Reklamen, die hier in der Form von kleinen Artikeln mit eingeschmuggelt 
sind und vom Zeitungsleser mitgelesen werden müssen, er mag wollen oder nicht. 
Der „Figaro" fordert für derartige Reklamen auf der ersten Seite 40 Francs für 
die Zeile! 
Weitaus die häufigste Form der Zeitungsreklame ist die A n z e i g e. Aber es 
gibt bekanntlich noch eine andere Form dieser Reklame, das ist die B e i l a g e. Wer 
irgendein Angebot oder irgendeine Bekanntmachung durch die Zeitung verbreiten, sich 
dazu aber nicht des Anzeigenteils bedienen will, gibt der Zeitung die der Auflage ent 
sprechende Anzahl von Exemplaren seiner besonders vervielfältigten Bekanntmachung 
zur Mitverbreitung unter die Leser. Die Art der Reklame kann unter Umständen 
billiger sein als das Inserat, namentlich bei großem Umfange; sie wird dann auch 
zweckmäßiger sein, wenn der Inhalt längeres Studium erfordert, und da die Beilage 
zu diesem Ende von der flüchtigen Zeitungslektüre bis auf ruhigere Zeit zurückgelegt 
werden kann. 
Vorzugsweise Bücher, aber auch — leider! — Lotteriepläne, ferner Pläne zur 
Gründung größerer wirtschaftlicher Unternehmungen, wie Banken, Eisenbahnen, 
Berg-, Elektrizitäts- und Wasserwerke, sieht man in der Form der Zeitungsbeilage 
ihre Reklame machen. Aber es werden Prospekte aller Art und auch Preisverzeich 
nisse in dieser Form an den Mann gebracht. 
Während die anderen Reklameformen immer nur je für gewisse Angebote und 
Nachfragen sich tauglich erweisen, ist die Mannigfaltigkeit, in der das Zeitungsinfernt 
zu verwenden ist, geradezu unerschöpflich. 
Alle Waren, die sich denken lassen, alle Dienste, die der 
menschliche Verkehr erheischt, Lei st ungen der allerver 
schieden st en Art sehen wir alltäglich in der Form der Zeitungsanzeige anbieten 
und suchen. Bei der unendlichen Jnseratenfülle namentlich großer Zeitungen ist es 
klar, daß eine gewisse Kunst dazu gehört, hier das, was man anzubieten hat oder 
begehrt, in d e r Form anzubieten oder zu suchen, daß es den Augen der Interessenten 
nicht entgeht, und daß es die gewollte Wirkung tut. Sicher erfordert es viel Nach 
denken und genaue Kenntnis der Triebe und des Geschmackes der Menschen, um 
die rechten Mittel zur Werbung solcher fruchtbaren Aufmerksamkeit zu finden und 
diese Mittel in der möglichst wirksamen Form anzuwenden. Oft ersetzt ein gewisser 
psychologischer Instinkt alles Studium und alle mühsam erlangte Kunde.
	        
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