Full text : Fortschritt und Armut

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Das  Heilmittel.

Buch  VI.

lebt  wie  Dr.  Franklin,  als  er  in  seiner  Lehrzeit  und  als  junger  Gehilfe
sich  auf  Pflanzenkost  zu  beschränken  beschloß;  und  viele  arme  Familien
könnten  sorgloser  leben,  wenn  man  sie  lehrte,  jene  billigen  Gerichte  zu
bereiten,  auf  welche  Franklin  den  Appetit  seines  Arbeitgebers  Reimer
zu  beschränken  suchte,  wogegen  er  sich  anheischig  machte,  die  Gegner
der  neuen  Religion  zu  bekämpfen,  deren  Prophet  Reimer  zu  werden
wünschte*);  wenn  jedoch  die  arbeitenden  Rlassen  im  allgemeinen  so
zu  leben  sich  entschlössen,  würden  die  Löhne  schließlich  im  gleichen  Verhältnis ­
  fallen,  und  wer  durch  Sparsamkeit  vorankommen  oder  die  Armut
durch  Ginschärfung  derselben  lindern  wollte,  würde  einen  noch  billigeren
Modus  ersinnen  müssen,  um  Leib  und  Seele  zusammenzuhalten,  wenn
unter  den  obwaltenden  Umständen  die  amerikanischen  Arbeiter  sich  zu
der  chinesischen  Lebensweise  verstünden,  so  würden  sie  schließlich  auch  zu
den  chinesischen  Lohnsätzen  gelangen;  oder  wenn  die  englischen  Arbeiter
sich  mit  der  Reisdiät  und  dürftigen  Rleidung  der  Bengalen  zufrieden
gäben,  so  würde  die  Arbeit  in  England  bald  so  schlecht  wie  in  Indien
bezahlt  werden.  Die  Einführung  der  Rartoffel  in  Irland  ward  als  geeignet ­
  angesehen,  um  die  Lage  der  ärmeren  Rlassen  zu  verbessern,  indem ­
  sie  den  Unterschied  zwischen  den  ihnen  gezahlten  Löhnen  und  den
Rosten  ihres  Lebensunterhalts  vergrößerte.  In  Wirklichkeit  waren  die
Folgen  eine  Erhöhung  der  Pachten  und  eine  Herabsetzung  der  Löhne
und,  nach  Auftreten  der  Rartoffelkrankheit,  die  Verheerungen  der  Hungersnot ­
  unter  einer  Bevölkerung,  welche  ihren  Standard  of  comfort  schon
so  weit  reduziert  hatte,  daß  der  nächste  Schritt  der  Hungertod  war.
Und  daher  wird  ein  einzelner,  wenn  er  mehr  als  die  durchschnittliche ­
  Anzahl  von  Stunden  arbeitet,  seinen  Lohn  allerdings  erhöhen;
aber  der  Lohn  aller  kann  auf  diese  weise  nicht  erhöht  werden.  Ls  ist
notorisch,  daß  die  Löhne  in  Branchen  mit  langer  Arbeitszeit  nicht  höher
sind  als  in  anderen  mit  kürzerer  Arbeitszeit;  gewöhnlich  sogar  das  Gegenteil ­
  davon,  denn  je  länger  der  Arbeitstag,  desto  hilfloser  wird  der  Arbeiter,
desto  weniger  Zeit  hat  er  sich  umzuschauen  und  andere  Eigenschaften
zu  entwickeln  als  diejenigen,  die  durch  seine  Arbeit  hervorgerufen  werden;
desto  geringer  wird  seine  Fähigkeit,  seine  Beschäftigung  zu  wechseln  oder
aus  den  Umständen  Nutzen  zu  ziehen.  Und  so  kann  der  einzelne  Arbeiter,
der  sich  von  Weib  und  Rindern  helfen  läßt,  seine  Einnahme  ebenfalls
vermehren;  in  Branchen  jedoch,  wo  es  hergebracht  ist,  daß  Weib  und
Rinder  mitarbeiten,  sind  notorisch  die  von  der  ganzen  Familie  verdienten
Löhne  im  Durchschnitt  nicht  höher  als  diejenigen  des  Familienhauptes
in  Branchen,  in  denen  dieselben  allein  zu  arbeiten  pflegen.  Die  Arbeit
der  Schweizer  Familie  in  der  Uhrenfabrikation  konkurriert  an  Billigkeit
mit  den  amerikanischen  Maschinen.  Die  böhmischen  Zigarrenmacher
*)  Franklin  erzählt  in  seiner  unnachahmlichen  Meise,  wie  Reimer  schließlich  seinen
Entschluß  aufgab  und  ein  geröstetes  Ferkel  bestellte,  zu  welchem  er  zwei  ihm  befreundete
Damen  einlud;  als  jedoch  das  Ferkel  vor  Eintreffen  der  Gesellschaft  ankam,  konnte  Reimer
der  Versuchung  nicht  widerstehen  und  aß  es  ganz  allein  auf.
            
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