230 Das Heilmittel Buch VI.
Lesen und Schreiben noch seltene Eigenschaften waren war ein
Schreiber hochangesehen und verdiente viel, jetzt aber ist die Fähigkeit
zu lesen und zu schreiben so allgemein geworden, daß sie keinen vorteil
mehr gewährt. Die Chinesen scheinen fast ausnahmslos lesen und
schreiben zu können, die Löhne aber stehen in China auf dem niedrigsten
Punkte. Die Ausbreitung der Kenntnisse kann, außer daß sie die Menschen
mit einem Zustande der Dinge unzufrieden macht, welcher die Produzenten
zu einem Leben voll Mühsal verdammt, während die Nichtproduzenten
sich im Luxus wälzen, im allgemeinen keine Steigerung der Löhne be
wirken oder irgendwie die Lage der untersten Klasse — der „Grund
schwelle" der Gesellschaft, wie ein südlicher Senator sie einst nannte —
verbessern; sie muß auf dem Boden bleiben, wie hoch sich auch der Oberbau
erhebe. Keine Steigerung der Leistungskraft der Arbeit vermag im
allgemeinen die Löhne zu steigern, solange die Grundrente den ganzen
Gewinn verschlingt. Dies ist nicht bloß eine Deduktion aus Prinzipien.
Ls ist die durch die Erfahrung bewiesene Tatsache. Die Zunahme des
Wissens und der Fortschritt der Erfindungen haben die Leistungsfähigkeit
der Arbeit unendlich vervielfältigt, ohne den Lohn zu erhöhen. Zn England
gibt es über eine Million Arme. Zn den Vereinigten Staaten find die
Armenhäuser im Zunehmen und die Löhne im Abnehmen.
Ls ist wahr, daß größere Betriebsamkeit und Geschicklichkeit, größere
Vorsicht und höhere Zntelligenz in der Regel mit einer besseren mate
riellen Lage der arbeitenden Klassen verbunden sind; allein die Tat
sachen beweisen, daß dies die Wirkung und nicht die Ursache ist. wo die
materielle Lage der arbeitenden Klassen besser geworden ist, war eine
Hebung ihrer persönlichen Eigenschaften die Folge, und wo ihre materielle
Lage gedrückt war, ist die Verschlechterung jener Eigenschaften das Er
gebnis gewesen; aber nirgends kann eine Besserung der materiellen
Lage als Ergebnis der Zunahme an Fleiß, Geschicklichkeit, Vorsicht oder
Zntelligenz in einer für das liebe Leben zu schwerer Arbeit verdammten
Klasse nachgewiesen werden, obschon diese Eigenschaften, wenn sie (oder
vielmehr ihr Begleiter, das höhere Maß des Komforts) einmal erlangt
sind, einen starken und in vielen Fällen hinreichenden widerstand gegen
die Verschlimmerung der materiellen Lage bieten.
Die Tatsache ist, daß die Eigenschaften, welche den Menschen über
das Tier erheben, über denjenigen liegen, welche er mit dem Tiere teilt,
und daß seine intellektuelle und sittliche Natur nur in dem Maße reifen
kann, wie er von den Bedürfnissen seiner tierischen Natur befreit wird.
Swingt man einen Menschen zur niedrigsten Arbeit für den äußersten
Bedars des tierischen Lebens, so wird er den Antrieb zur Betriebsamkeit —-
öen Erzeuger der Geschicklichkeit — verlieren und nur tun, was er zu
tun gezwungen ist. Gestaltet man seine Lage so, daß sie nicht viel schlechter
sein kann, während wenig Hoffnung vorhanden bleibt, daß irgend etwas,
was er tun könnte, sie zu verbessern imstande wäre, so wird er aufhören,
über den Tag hinauszublicken. Verweigert man ihm Muße — und