Neue Dichtung.
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ihr Kampf sei ein epischer, und so spreche im Grunde nur der
Dichter mit verteilten Rollen. In der Tat: läßt man einen
beinahe absoluten Determinismus noch dazu nur im Hinter⸗
grunde grollen, so können die Gestalten nicht belebt sein. Und
selbst Maria leidet unter diesem nicht aufzuhebenden Zusammen⸗
hange. Denn worin besteht denn schließlich ihre Schuld?
Kaum in mehr als in einer allgemeinen Leidenschaftlichkeit,
die freilich in der großen Szene mit Elisabeth dämonisch aus—
briht: Wie Bergeslasten fällt's von meinem Herzen;
Das Messer stieß ich in der Feindin Brust!
Doch läßt sich allenfalls auch eine mehr vereinfachte Be—
trachtung des Dramas durchführen. Als Schicksalsidee würde
sich in diesem Falle die sittliche Idee des Staates des 16. Jahr⸗
hunderts ergeben, und ihr würden beide Königinnen zum Opfer
fallen: Maria, weil sie sich in früher Vergangenheit gegen sie
schwer vergangen, Elisabeth, insofern sie sich ihr in der Unter—
zeichnung des Todesurteils, entgegen einem höheren Begriffe
der Menschlichkeit, unterwirft und darunter für immer zu leiden
haben wird.
Mit der Geschichte Maria Stuarts hat sich Schiller schon
in Bauerbach beschäftigt, während die Ausführung erst in die
Ettersburger Waldeinsamkeit der Jahre 1799 und 1800 fällt;
wir haben es also mit einer Verschweißung von Jugendideen
und Manneswerk zu tun. Ganz der reifen Zeit gehört dagegen
die „Jungfrau von Orleans“ an. In ihr liegt ein echtes
historisch-idealistisches Drama vor; der Determinismus weicht
einer göttlichen Sendung; Wunder geschehen, nicht bloß psycho⸗
logische Merkwürdigkeiten und sonderbare Zufälle; der Stoff
wird der „gemeinen Deutlichkeit der Dinge“ enthoben: hie gut
Mittelalter allewege, können Gestalten und Zuschauer rufen.
Und diese resolute Lösung sichert dem Dichter auch allen Er—
folg im kleinen. Nun fügen sich die stark betonten sozial⸗
osychischen Elemente den persönlichen ein, die Gestalten können
dealistisch im Sinne mittelalterlicher Personaltypen gefaßt
werden, und die Jungfrau ist gleichwohl mit einer Kraft der
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2. 46