Full text : Fortschritt und Armut

Henry  Georges  Leben  und  Schriften.

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Problemen"  dienen.  „Ls  gibt  Leute,"  heißt  es  dort  in  dem  Kapitel
über  die  ersten  Grundsätze,  „welche  beständig  so  reden  und  schreiben,
als  wenn  jeder,  der  die  gegenwärtige  Verteilung  der  Güter  fehlerhaft ­
  findet,  verlangte,  daß  der  Reiche  zugunsten  des  Armen  beraubt
werden  solle;  daß  für  den  Faulen  auf  Kosten  des  Fleißigen  gesorgt
und  eine  falsche  und  unmögliche  Gleichheit  herbeigeführt  werden  solle,
welche,  indem  sie  jeden  auf  dasselbe  tote  Niveau  bringt,  allen  Sporns
sich  auszuzeichnen,  vernichten  und  den  Fortschritt  zum  Stillstände  bringen
würde.  Aus  der  Reaktion  gegen  die  offenbare  Ungerechtigkeit  der
jetzigen  sozialen  Verhältnisse  sind  solche  wilde  Pläne  hervorgegangen,
und  finden  noch  immer  Verteidiger.  Aber  nach  meiner  weise  zu
denken  sind  dieselben  so  unausführbar  und  unnatürlich,  wie  sie  nur
immer  denen  scheinen  können,  welche  den  „Kommunismus"  am  lautesten
verdammen.  Zch  will  mich  nicht  darüber  aussprechen,  ob  im  Fortschritt
der  Menschheit  ein  Zustand  der  Gesellschaft  möglich  sein  wird,  welcher
die  Formel  Louis  Blancs  realisiert:  „von  jedem  nach  seinen  Fähigkeiten; ­
  jedem  nach  seinen  Bedürfnissen";  denn  es  bestehen  schon  heutigen
Tages  unter  den  religiösen  Orden  der  katholischen  Kirche  Gesellschaften,
welche  auf  dem  Kommunismus  des  ältesten  Lhriftentums  beruhen.
Allein  es  scheint  mir,  daß  die  einzige  Kraft,  durch  welche  eine  solche  Verfassung ­
  der  Gesellschaft  erreicht  und  behauptet  werden  kann,  diejenige  ist,
von  der  die  Urheber  der  in  Rede  stehenden  pläne  im  allgemeinen
nichts  wissen  wollen,  auch  wenn  sie  ihr  nicht  unmittelbar  feindlich  sind,
nämlich  ein  tiefer,  bestimmter,  starker,  religiöser  Glaube,  ein  Glaube,
klar  und  glühend  genug,  um  den  Gedanken  an  das  eigene  Selbst  gänzlich ­
  hinwegzuschmelzen  —  eine  allgemeine  sittliche  Haltung,  wie  sie  die
Methodisten  unter  dem  Namen  der  „Heiligung"  für  individuell  möglich
erklären,  wobei  der  Traum  der  ersten  Unschuld  Wirklichkeit  werden
und  der  Mensch  sozusagen  wieder  mit  Gott  gehen  soll."
Linen  wahrhafteren  christlichen  Sozialismus  oder  einen  stärkeren
Gegensatz  zu  jenem  Evangelium  der  Selbstsucht,  welches  jeden  auf
seine  eigenen  Angelegenheiten  verweist  und  darauf  einschränkt,  kann  es
nicht  geben.  Aber  wir  müssen  auch  anerkennen,  daß  ein  solcher  christlicher ­
  Sozialismus  nur  in  wenigen  auserlesenen  Seelen  lebt,  und,  wie
George  richtig  bemerkt,  eine  Spekulation  ist,  welche  mehr  in  den  höheren
Bereich  des  religiösen  Glaubens  gehört,  als  auf  einem  Gebiete  liegt,
mit  dem  sich  der  Ökonomist  oder  der  praktische  Staatsmann  befassen
kann.  Nichtsdestoweniger  bleibt  es  eine  Wahrheit,  daß  die  zunehmende
Entwickelung  der  Gesellschaft  von  den  Eigenschaften  der  einzelnen
abhängt,  während  allerdings  umgekehrt  auch  die  Eigenschaften  der
einzelnen  durch  die  Verfassung  der  Gesellschaft  bedingt  sind.
            
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