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Die Unterschiede in der Zivilisation.
tragung von Eigentümlichkeiten, ist gleichfalls unzweifelhaft richtig;
aber die großen Unterschiede unter den Menschen in verschiedenen
Gesellschaftszuständen können nicht auf diese weise erklärt werden
Der Einfluß der Erblichkeit, den man nach heutiger Mode so hoch ver
anschlagt, ist nichts im vergleich mit den Einflüssen, welche den Menschen
formen, nachdem er in die Welt getreten ist. was wird mehr zur Gewohn
heit als die Sprache, die nicht bloß ein automatisches Spiel der Muskeln,
sondern ein Vermittler des Denkens wird? was hat längere Dauer
oder gibt schneller die Nationalität kund? Dennoch werden wir mit
keiner Anlage für eine besondere Sprache geboren. Unsere Mutter
sprache ist nur unsere Muttersprache, weil wir sie in der Kindheit lernten.
Obgleich die Ahnen eines Kindes zahllose Generationen hindurch in
ein und derselben Sprache gedacht und geredet haben, wird dasselbe,
wenn es von Anfang an nichts anderes hört, ebenso leicht irgendeine
andere Sprache lernen. Und dasselbe gilt von anderen nationalen,
lokalen oder Klassen-Ligentümlichkeiten. Sie sind Dinge der Erziehung
und Gewohnheit, nicht der Übertragung. Die Fälle von weißen Kindern,
die in der Kindheit von Indianern gefangen und im Wigwam auferzogen
wurden, zeigen dies. Sie wurden vollkommene Indianer. Und das
selbe, glaube ich, ist mit den von Zigeunern auferzogenen Kindern
der Fall.
Daß dies nicht in gleichem Maße der Fall ist mit Kindern von
Indianern oder anderer bestimmt gekennzeichneter Rassen, die von
Weißen aufgezogen werden, liegt meines Erachtens an dem Umstande,
daß sie nie ganz so wie weiße Kinder behandelt werden. Ein Lehrer
der einmal in einer Schule Farbiger Unterricht erteilt hatte, sprach
sich gegen mich dahin aus, daß die farbigen Kinder bis zum Alter von
zehn oder zwölf Jahren sogar gescheiter seien und besser lernten als
weiße Kinder, später aber stumpf und nachlässig würden. Er hielt dies
für einen Beweis angeborener Inferiorität der Rasse, und ich stimmte
dem damals bei. Später jedoch hörte ich einen hochgebildeten schwarzen
Herrn (Bischof Hillery) beiläufig eine Bemerkung machen, die mir
die Sache hinlänglich zu erklären scheint. Er sagte: „Solange unsere
Kinder jung sind, sind sie völlig so hell wie weiße Kinder und lernen eben
so leicht. Sobald sie jedoch alt genug werden, um ihre gesellschaftliche
Stellung zu ermessen, einzusehen, daß man sie als eine untergeordnete
Kasse betrachtet, und daß sie nie hoffen dürfen, etwas anderes als Köche
Kellner oder dergleichen zu werden, verlieren sie ihren Ehrgeiz und
hören auf, sich Mühe zu geben." Er hätte noch hinzufügen können,
daß, da sie die Kinder armer, ungebildeter und anspruchsloser Eltern
sind, häusliche Einflüsse ungüstig auf sie einwirken. Denn ich glaube,
es ist allgemein zu beobachten, daß in der ersten Erziehung die Kinder
unwissender Eltern gerade so empfänglich sind als die gebildeter Eltern,
über allmählich gewinnen in der Regel die letzteren einen Vorsprung
und werden die intelligentesten Männer und Frauen. Der Grund ist