■362 Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes. Buch X.
werden könnte (was, wie gesagt, vollständig nur zu erreichen wäre, wenn
man Rinder in der weise in englische Familien verpflanzte, daß weder
sie noch ihre Umgebung sich eines Unterschiedes bewußt wären), eine
Generation völlig genügen würde, um ihm ganz und gar europäische
Zivilisation einzuimpfen. Der Fortschritt englischer Denkweise und
Litte muß dagegen in Indien notwendig sehr langsam sein, weil sie
dort auf das Gewebe von Denken und Litten stoßen, welches durch eine
ungeheure Bevölkerung beständig fortgepflanzt und mit allen Hand
lungen des Lebens verwoben wird.
Bagehot („Physics and Politics“) sucht den Grund, warum die
Barbaren vor unserer Zivilisation hinschwinden, während sie es vor
derjenigen der Alten nicht taten, durch die Annahme zu erklären, daß
der Fortschritt der Zivilisation uns zähere physische Konstitutionen ver
liehen habe. Nachdem er erwähnt hat, daß in keinem klassischen Schrift
steller ein Bedauern um die Barbaren ausgesprochen werde, sondern
daß der Barbar überall die Berührung mit dem Römer aushielt und
der Römer sich mit dem Barbaren verband, sagt er (5. 47—48):
„Wilde im ersten Jahr der christlichen Zeitrechnung waren ungefähr das, was
sie im achtzehnten Jahrhundert waren, und wenn sie die Berührung mit den zivili
sierten Völkern des Altertums ertrugen, dagegen die mit uns nicht aushalten, so folgt
daraus, daß vermutlich unsere Rasse zäher ist als die des Altertums, denn wir haben
die Aeime schwererer Krankheiten zu ertragen als die Alten sie mit sich führten, und
ertragen sie. Wir können vielleicht den unveränderlichen Wilden als einen Maßstab
benutzen, um daran die Stärke der Konstitution zu messen, deren Berührung er aus
gesetzt wird."
Bagehot versucht nicht zu erklären, wie es kommt, daß vor 1.800
Jahren die Zivilisation nicht denselben relativen Vorteil über die Bar
barei verlieh wie jetzt. Doch es ist unnütz, davon zu reden oder den Mangel
an jedem Beweise hervorzuheben, daß die menschliche Konstitution
sich auch nur um einen Deut verbessert habe. Jedem, der gesehen hat
wie die Berührung unserer Zivilisation die niedrigeren Rassen beein
flußt, wird sich eine näher liegende, aber freilich weniger schmeichelhafte
Erklärung aufdrängen.
Nicht weil unsere Konstitutionen von Natur zäher wären als die
des wilden, sind Krankheiten, die für uns verhältnismäßig unschädlich
sind, der sichere Tod für ihn, sondern weil wir diese Krankheiten kennen
und Heilmittel dagegen haben, während er sowohl der Kenntnis, wie der
-Heilmittel bar ist. Die nämlichen Leuchen, welche der Abschaum und
das vordertreffen der Zivilisation den wilden einimpft, würden sich für
zivilisierte Menschen ebenso verheerend beweisen, wenn sie nichts anderes
zu tun wüßten, als denselben ihrenLauf zu lassen, wie es derwilde in seiner
Unwissenheit tun muß; und tatsächlich waren sie bei uns ebenso verheerend,
bis wir entdeckten, wie sie zu behandeln sind. Überdies ist es die Wirkung
des Aufeinandertreffens der Zivilisation mit der Barbarei, die Kräfte
^. es , P?^ eTl 3 U schwächen, ohne ihn in die Lage zu versetzen, welche dein
zivilisierten Menschen Macht verleiht, während seine Litten und Ge