Aap. II.
Die Unterschiede in der Zivilisation.
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brauche noch fortzudauern streben und, soweit es geht, wirklich fortdauern,
werden die Verhältnisse, denen sie sich anschmiegten, gewaltsam ver
ändert. Er ist ein Jäger in einem Land ohne wild, ein seiner Waffen
beraubter Krieger, der mit den Kniffen der Gesetze hantieren soll. Er
ist nicht nur zwischen verschiedene Kulturen gestellt, sondern, wie es
Bagehot von den Europäern gemischter Abstammung in Indien sagt,
zwischen verschiedene Sittengesetze gestellt und lernt die Laster der Zivili
sation ohne ihre Tugenden. Er verliert seine gewohnten Unterhalts
mittel, er verliert die Selbstachtung, er verliert die Moralität; er verkommt
und stirbt dahin. Die elenden Geschöpfe, welche man in den Städten
oder auf den Eisenbahnstationen der Grenze herumlungern sieht, bereit
zu betteln, zu stehlen oder sich zu einem noch niederträchtigeren Geschäft
anzubieten, sind keine rechten Muster des Indianers, ehe der Weiße
auf seinen Iagdgründen vordrang. Sie haben die Kraft und Tugenden
ihres früheren Zustandes verloren, ohne diejenigen eines höheren dafür
wiederzugewinnen. In der Tat zeigt die Zivilisation, welche die Rothäute
vertreibt, keine Tugenden. Für den Angelsachsen der Grenze hat der
Eingeborene in der Regel keine Rechte, die der weiße Mann zu achten
verpflichtet wäre. Er wird arm gemacht, mißverstanden, betrogen und
mißhandelt. Er stirbt aus, wie unter gleichen Verhältnissen auch wir
aussterben würden. Er verschwindet vor der Zivilisation, wie der roma-
nisierte Brite vor der sächsischen Barbarei verschwand.
Der wahre Grund, warum in keinem klassischen Schriftsteller ein
Bedauern um den Barbaren ausgesprochen wird, sondern wärmn die
römische Zivilisation ihn eher assimilierte als vernichtete, liegt meines
Erachtens nicht bloß darin, daß die Zivilisation der Alten der Barbarei,
aus die sie stieß, viel näher stand, sondern in dem noch wichtigeren Um
stande, daß sie nicht in der weise ausgebreitet wurde, wie die unsrige.
Nicht durch eine vorrückende Linie von Kolonisten wurde sie vorwärts
gerückt, sondern durch Eroberung, welche die neud Provinz bloß unter
warf, aber die soziale und gewöhnlich auch die politische Verfassung des
Volkes großenteils bestehen ließ, so daß der Assimilationsprozeß ohne
Erschütterung oder Verschlechterung vor sich ging. In ziemlich ähnlicher
Weise scheint die Zivilisation Japans sich jetzt der europäischen Zivili
sation zu assimilieren.
In Amerika hat der Angelsachse den Indianer ausgerottet, anstatt
ihn zu zivilisieren, einfach weil er den Eingeborenen nicht zu sich herauf
gezogen hat und weil die Berührung nicht in einer weise erfolgte, daß
die Denkgewohnheiten und Sitten des Indianers sich schnell genug
hätten ändern können, um sich in die neue Läge, in welche er durch die
Nähe unbekannter und mächtiger Nachbarn versetzt wurde, zu finden.
Daß kein angeborenes Hindernis gegen die Aufnahme unserer Zivili
sation seitens dieser unzivilisierten Rassen vorhanden ist, haben indivi
duelle Fälle immer und immer wieder dargelegt. Und ebenso ist dies,
soweit man die Experimente gehen ließ, durch die Jesuiten in Paraguay,