Full text : Fortschritt und Armut

Uap.  III.

Die  Unterschiede  in  der  Zivilisation.

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scheinlich  nie  zwei  Menschen,  die  sich  geistig  oder  körperlich  vollkommen
gleich  gewesen  wären.  Auch  will  ich  nicht  sagen,  daß  es  nicht  geradeso
klar  ausgeprägte  Rassenunterschiede  in  geistiger  Beziehung  gäbe,  als  es
klar  ausgeprägte  Rassenunterschiede  in  körperlicher  Beziehung  gibt.
Ich  leugne  keineswegs  den  Einfluß  der  Erblichkeit  in  der  Übertragung
geistiger  Eigentümlichkeiten  auf  dieselbe  weise  und  möglicherweise  in
demselben  Grade,  wie  körperliche  Eigentümlichkeiten  vererbt  werden.
Nichtsdestoweniger  aber  gibt  es  meines  Erachtens  ein  gemeinsames
Niveau  und  eine  natürliche  Symmetrie  des  Geistes  wie  des  Körpers,
nach  welchen  alle  Abweichungen  zurückzukehren  streben.  Die  Verhältnisse, ­
  in  die  wir  gestellt  sind,  können  solche  Entstellungen  herbeiführen,
wie  sie  die  Flatheads  dadurch  hervorbringen,  daß  sie  die  Köpfe  ihrer
Kinder  zusammendrücken,  oder  die  Ehinesen  dadurch,  daß  sie  ihrer  Töchter
Füße  einzwängen.  Aber  wie  die  Neugeborenen  der  Flatheads  mit
natürlich  gestalteten  Köpfen  und  die  der  Ehinesen  mit  nnverkrüppelten
Füßen  auf  die  Welt  zu  kommen  fortfahren,  so  scheint  die  Natur  immer
wieder  zu  dem  normalen  geistigen  Typus  zurückzukehren.  Lin  Kind
erbt  ebensowenig  seines  Vaters  wissen,  wie  es  dessen  Glasauge  oder
künstliches  Bein  erbt;  das  Kind  der  unwissendsten  Eltern  kann  ein  Pionier
der  Wissenschaft  oder  ein  Führer  des  Denkens  werden.
Aber  die  Hauptsache,  mit  der  wir  es  zu  tun  haben,  ist  die,  daß
die  Unterschiede  zwischen  den  Bevölkerungen  räumlich  und  zeitlich  verschiedener ­
  Länder,  die  wir  Unterschiede  der  Zivilisation  nennen,  keine
Unterschiede  sind,  die  den  Individuen,  sondern  Unterschiede,  die  der
Gesellschaft  anhaften;  daß  diese  Unterschiede  sich  nicht,  wie  Herbert
Spencer  behauptet,  aus  Unterschieden  der  einzelnen  ergeben,  sondern
aus  den  Bedingungen  hervorgehen,  unter  welche  diese  einzelnen  in
der  Gesellschaft  gesetzt  sind.  Kurz,  die  Erklärung  der  Unterschiede,  welche
die  Volksgemeinschaften  kennzeichnen,  scheint  mir  die  zu  sein:  daß
jede  Gesellschaft,  klein  oder  groß,  sich  unvermeidlich  ein  Gewebe  von
Wissen,  Glauben,  Sitten,  Sprache,  Neigungen,  Einrichtungen  und
Gesetzen  webt.  In  dies  von  jeder  Gesellschaft  gefertigte  Gewebe  (oder
vielmehr  in  diese  Gewebe,  denn  jedes  über  die  niedrigste  Stufe  bereits
hinausgekommene  Gemeinwesen  ist  aus  kleineren  Gesellschaften  zusammengesetzt, ­
  die  ineinander  übergreifen  und  miteinander  verflochten
sind)  wird  das  Individuum  bei  der  Geburt  aufgenommen  und  verharrt
bis  zum  Tode  darin.  Dies  ist  die  Matrize,  in  der  der  Geist  sich  entfaltet
und  von  der  er  seinen  Stempel  erhält.  Dies  ist  die  Art  und  Weise,  wie
die  Sitten,  Religionen,  Vorurteile,  Geschmacksrichtungen  und  Sprachen
entstehen  und  sich  fortpflanzen.  Dies  ist  die  Art  und  weise,  wie  die
Geschicklichkeit  übertragen  und  das  wissen  aufgespeichert  wird  und  wie
die  Entdeckungen  einer  Zeit  den  gemeinschaftlichen  Vorrat  und  die  bequeme ­
  Schwelle  der  nächsten  bilden.  Obwohl  dies  oft  dem  Fortschritte
die  ernsthaftesten  Hindernisse  bereitet,  so  macht  es  doch  andererseits
auch  den  Fortschritt  möglich.  Es  fetzt  den  heutigen  Schulbuben  in  den
            
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