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Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.
Buch X.
Fortschritt, während an den «Örtlichkeiten, wo eine große Zunahme
der Bevölkerung ohne erhebliche Separierung möglich ist, die Zivili
sation den Vorteil hat, von Stammesfehden frei zu sein, wenn auch der
Staat als Ganzes jenseit der Grenzen Krieg führt, wo der widerstand
der Natur gegen die enge Vereinigung der Menschen am geringsten
ist, wird somit die Gegenkraft des Krieges anfänglich am wenigsten
empfunden, und in den reichen Ebenen, wo die Zivilisation zuerst Fuß
saßt, kann sie zu großer Höhe emporsteigen, während die zerstreuten
Stämme noch Barbaren sind, wenn daher kleine isolierte Staaten in
einem den Fortschritt verhindernden Zustande chronischer Fehde be
harren, so ist der erste Schritt zu ihrer Zivilisation das Auftreten eines
erobernden Stammes oder Volkes, das diese kleineren Staaten zu einem
größeren vereinigt, in welchem der innere Friede bewahrt wird, wo diese
Fähigkeit zu friedlicher Vereinigung gebrochen ist, sei es durch äußere
Angriffe oder innere Uneinigkeiten, da hört der Fortschritt auf, und
der Rückgang beginnt.
Aber nicht bloß die Eroberung hat die Vereinigung beförder
und durch Befreiung geistiger Kraft von der Nötigung zum Kriege
der Zivilisation Dienste geleistet, wenn die Verschiedenheiten des
Klimas, des Bodens und der Gberflächengestaltung zuerst darauf hin
wirken, die Menschen zu trennen, so wirken sie doch auch darauf hin,
den Austausch zu begünstigen. Und der Handel, der an und für sich eine
Form der Vereinigung oder des Zusammenwirkens ist, befördert die
Zivilisation nicht nur direkt, sondern auch dadurch, daß er dem Krieg
entgegengesetzte Interessen erzeugt und die Unwissenheit zerstreut,
welche die fruchtbare Mutter von Vorurteilen und Gehässigkeiten ist.
Und ebenso die Religion. Obgleich die Formen, die sie angenommen,
und der Haß, den sie entzündet hat, die Menschen oft genug trennten
und Krieg verursachten, so ist sie doch zu anderen Zeiten das Mittel
zur Beförderung der Vereinigung gewesen. Lin gemeinsamer Gottes
dienst hat, wie z. B. bei den Griechen, oft den Krieg gemildert und die
Grundlage einer Einigung abgegeben, und dem Triumph des Ehristen-
tums über die Barbaren Europas entspringt die moderne Zivilisation.
Hätte die christliche Kirche nicht bestanden, als das römische Reich in
Stücke zerfiel, so dürste Europa, jedes Bandes der Vereinigung bar,
leicht in einen nicht viel höheren Zustand als den der nordamerikanischen
Indianer verfallen sein, oder eine Zivilisation asiatischen Gepräges
von den erobernden Krummsäbeln jener eindringenden Worden erhalten
haben, die durch eine Religion geeinigt waren, welche, in den wüsten
Arabiens entspringend, seit undenklichen Zeiten getrennte Stämme
zusammenschweißte, und von dort ausgehend, einen großen Teil der
Menschheit in dem Bunde eines gemeinschaftlichen Glaubens vereinigte.
^erblicken wir die uns bekannte Geschichte der Welt, so sehen wir
Zivilisation überall entstehen, wo Menschen in Vereinigung miteinander
gebracht werden und überall verschwinden, sobald diese Vereinigung