Full text : Fortschritt und Armut

370

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Fortschritt,  während  an  den  «Örtlichkeiten,  wo  eine  große  Zunahme
der  Bevölkerung  ohne  erhebliche  Separierung  möglich  ist,  die  Zivilisation ­
  den  Vorteil  hat,  von  Stammesfehden  frei  zu  sein,  wenn  auch  der
Staat  als  Ganzes  jenseit  der  Grenzen  Krieg  führt,  wo  der  widerstand
der  Natur  gegen  die  enge  Vereinigung  der  Menschen  am  geringsten
ist,  wird  somit  die  Gegenkraft  des  Krieges  anfänglich  am  wenigsten
empfunden,  und  in  den  reichen  Ebenen,  wo  die  Zivilisation  zuerst  Fuß
saßt,  kann  sie  zu  großer  Höhe  emporsteigen,  während  die  zerstreuten
Stämme  noch  Barbaren  sind,  wenn  daher  kleine  isolierte  Staaten  in
einem  den  Fortschritt  verhindernden  Zustande  chronischer  Fehde  beharren, ­
  so  ist  der  erste  Schritt  zu  ihrer  Zivilisation  das  Auftreten  eines
erobernden  Stammes  oder  Volkes,  das  diese  kleineren  Staaten  zu  einem
größeren  vereinigt,  in  welchem  der  innere  Friede  bewahrt  wird,  wo  diese
Fähigkeit  zu  friedlicher  Vereinigung  gebrochen  ist,  sei  es  durch  äußere
Angriffe  oder  innere  Uneinigkeiten,  da  hört  der  Fortschritt  auf,  und
der  Rückgang  beginnt.
Aber  nicht  bloß  die  Eroberung  hat  die  Vereinigung  beförder
und  durch  Befreiung  geistiger  Kraft  von  der  Nötigung  zum  Kriege
der  Zivilisation  Dienste  geleistet,  wenn  die  Verschiedenheiten  des
Klimas,  des  Bodens  und  der  Gberflächengestaltung  zuerst  darauf  hinwirken, ­
  die  Menschen  zu  trennen,  so  wirken  sie  doch  auch  darauf  hin,
den  Austausch  zu  begünstigen.  Und  der  Handel,  der  an  und  für  sich  eine
Form  der  Vereinigung  oder  des  Zusammenwirkens  ist,  befördert  die
Zivilisation  nicht  nur  direkt,  sondern  auch  dadurch,  daß  er  dem  Krieg
entgegengesetzte  Interessen  erzeugt  und  die  Unwissenheit  zerstreut,
welche  die  fruchtbare  Mutter  von  Vorurteilen  und  Gehässigkeiten  ist.
Und  ebenso  die  Religion.  Obgleich  die  Formen,  die  sie  angenommen,
und  der  Haß,  den  sie  entzündet  hat,  die  Menschen  oft  genug  trennten
und  Krieg  verursachten,  so  ist  sie  doch  zu  anderen  Zeiten  das  Mittel
zur  Beförderung  der  Vereinigung  gewesen.  Lin  gemeinsamer  Gottesdienst ­
  hat,  wie  z.  B.  bei  den  Griechen,  oft  den  Krieg  gemildert  und  die
Grundlage  einer  Einigung  abgegeben,  und  dem  Triumph  des  Ehristentums
  über  die  Barbaren  Europas  entspringt  die  moderne  Zivilisation.
Hätte  die  christliche  Kirche  nicht  bestanden,  als  das  römische  Reich  in
Stücke  zerfiel,  so  dürste  Europa,  jedes  Bandes  der  Vereinigung  bar,
leicht  in  einen  nicht  viel  höheren  Zustand  als  den  der  nordamerikanischen
Indianer  verfallen  sein,  oder  eine  Zivilisation  asiatischen  Gepräges
von  den  erobernden  Krummsäbeln  jener  eindringenden  Worden  erhalten
haben,  die  durch  eine  Religion  geeinigt  waren,  welche,  in  den  wüsten
Arabiens  entspringend,  seit  undenklichen  Zeiten  getrennte  Stämme
zusammenschweißte,  und  von  dort  ausgehend,  einen  großen  Teil  der
Menschheit  in  dem  Bunde  eines  gemeinschaftlichen  Glaubens  vereinigte.
^erblicken  wir  die  uns  bekannte  Geschichte  der  Welt,  so  sehen  wir
Zivilisation  überall  entstehen,  wo  Menschen  in  Vereinigung  miteinander
gebracht  werden  und  überall  verschwinden,  sobald  diese  Vereinigung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.