Full text : Fortschritt und Armut

378  Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.  Buch  X.

Den  selbst  der  Mord  nicht  zu  mildern  vermochte;  die  Vaterlandsliebe
ward  zur  Knechtschaft;  die  schmutzigsten  Laster  machten  sich  öffentlich
-breit;  die  Literatur  versank  in  Kindereien;  die  Wissenschaft  wurde  vergessen; ­
  fruchtbare  Gegenden  wurden  wüsten  ohne  die  Verheerungen
des  Krieges  —  allenthalben  erzeugte  die  Ungleichheit  den  politischen,
geistigen,  moralischen  und  materiellen  Verfall;  die  Barbarei,  die  Rom
-überwältigte,  kam  nicht  von  außen,  sondern  von  innen.  Sie  war  das
notwendige  Produkt  des  Systems,  welches  Sklaven  und  Kolonen  an
Stelle  der  unabhängigen  Bauern  Italiens  gesetzt  und  die  Provinzen
zu  Güter  für  die  dem  Senat  angehörenden  Familien  ausgeschlachtet  hatte.
Die  moderne  Zivilisation  verdankt  ihre  Überlegenheit  dem  Umstande, ­
  daß  die  Zunahme  der  Gleichheit  mit  der  Zunahme  der  Assoziation ­
  kfand  in  chand  geht.  Zwei  bfauptursachen  trugen  dazu  bei  —
die  durch  das  Eindringen  der  nordischen  Völker  herbeigeführte  Zersplitterung ­
  der  konzentrierten  Macht  in  unzählige  kleine  Mittelpunkte
und  der  Einfluß  des  Lhriftentnms.  Ohne  die  erstere  würde  Versteinerung ­
  und  langsamer  Verfall  eingetreten  sein  wie  im  oftrömischen  Reich,
wo  Staat  und  Kirche  eng  verbunden  waren  und  der  Verlust  äußerer
Macht  keine  Erleichterung  der  inneren  Tyrannei  brachte.  Und  ohne  die
zweite  würde  Barbarei  eingetreten  sein,  ohne  Assoziation  und  Fortschritt.
Die  kleinen  Häuptlinge  und  Grundherren,  welche  überall  die  lokale
Souveränität  an  sich  rissen,  hielten  einander  im  Zaum.  Italienische
Städte  gewannen  ihre  alte  Freiheit  zurück,  freie  Städte  wurden  gegründet, ­
  Dorfgemeinden  faßten  Wurzel,  und  Leibeigene  erwarben
Rechte  auf  dem  von  ihnen  bearbeiteten  Boden.  Der  Sauerteig  der
teutonischen  Gleichheitsideen  durchdrang  das  aufgelöste  und  verfallende
Gewebe  der  Gesellschaft.  Und  obgleich  die  Gesellschaft  in  eine  unzählige
Menge  gesonderter  Teile  zersplittert  war,  so  blieb  doch  der  Gedanke
engerer  Vereinigung  stets  gegenwärtig  —  er  erhielt  sich  in  den  Erinnerungen ­
  eines  Weltreiches,  in  den  Ansprüchen  einer  allgemeinen  Kirche-Obgleich
  das  Lhristentnm  infolge  der  Filtrierung  durch  eine  faulende
.Zivilisation  entstellt  und  mit  unreinen  Beimischungen  versetzt  wurde,
obgleich  es  heidnische  Götter  in  sein  Pantheon,  heidnische  Formen
in  seine  Kirchenordnung  und  heidnische  Vorstellungen  in  seinen  Glauben
-aufnahm,  wurde  doch  sein  Grundgedanke  von  der  Gleichheit  der  Menschen
nie  ganz  zerstört.  Da  ereigneten  sich  zwei  Dinge  von  äußerster  Wichtigkeit ­
  für  die  anbrechende  Zivilisation:  die  Errichtung  des  Papsttums
und  das  Zölibat  der  Geistlichkeit.  Das  erstere  verhinderte  die  geistliche
Macht,  sich  in  denselben  Linien  wie  die  weltliche  zu  konzentrieren,  und
das  letztere  verhinderte  die  Einsetzung  einer  Priesterkaste  zu  einer  Zeit,
als  alle  Macht  erbliche  Form  anzunehmen  strebte.
In  ihren  Bemühungen  um  Abschaffung  der  Sklaverei,  in  ihrenr
Gottessrieden,  in  ihren  klösterlichen  Orden,  in  ihren  die  Völker  vereinigenden ­
  Konzilien,  in  ihren  Bullen,  die  ohne  Rücksicht  auf  politische  Grenzen
die  Welt  durcheilten,  in  den  niedrig  geborenen  fänden,  in  die  sie  ein
            
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