Das probiern des individuellen Lebens.
nie verdunkelt worden sein. Aber sie wird freunde finden, solche, die
für sie sterben, für sie leiden und, wenn es sein muß, für sie sterben.
Dies ist die Macht der Wahrheit.
Wird sie endlich obsiegen? Schließlich, ja. Aber in unserer Zeit
oder in Zeiten, in denen keine Erinnerung von uns übrig ist, wer vermag
das zu sagen?
Für den Menschen, welcher beim Anblick des von ungerechten
sozialen Einrichtungen verursachten Mangels und Elends, der Unwissen-
heit und Vertierung sich vornimmt, soweit seine Kräfte reichen, Abhilfe
zu schaffen, gibt es nur Enttäuschung und Bitterkeit. So ist es vor alters
gewesen, so ist es auch jetzt. Aber der bitterste Gedanke —und derselbe
kommt bisweilen den Besten und Tapfersten — ist der der kfoffnungs-
losigkeit des Bemühens, der Vergeblichkeit des Opfers. Wie wenigen
von denen, welche die Saat säen, wird es zuteil, sie aufgehen zu sehen
oder nur überzeugt zu sein, daß sie aufgehen wird.
verhehlen wir es uns nicht. Immer und immer wieder ist die
Standarte der Wahrheit und Gerechtigkeit in dieser Welt aufgerichtet
worden. Immer und immer wieder ist sie niedergetreten worden und
oftmals in Blut, wenn es schwache Kräfte wären, die sich der Wahrheit
entgegenstellen, wie könnte dann der Irrtum solange herrschen? bjätte
die Gerechtigkeit nur ihr Haupt zu erheben, um die Ungerechtigkeit
in die Flucht zu schlagen, wie könnte dann das wehklagen der Bedrückten
solange zum Himmel schreien?
Aber für die, welche die Wahrheit sehen und ihr folgen wollen,
für die, welche die Gerechtigkeit erkennen und zu ihr stehen wollen,
ist der Erfolg nicht alles. Erfolg! Ja, oft hat ihn die Lüge, oft die Un
gerechtigkeit zu verleihen. Müssen nicht die Wahrheit und Gerechtig
keit etwas zu geben haben, was ihr eigen, durch eigenes Recht ihr eigen,
im Wesen und nicht durch Zufall ist?
Daß sie dies haben, und zwar hier und jetzt, weiß jeder, der ihren
erhebenden Einfluß gefühlt hat. Aber bisweilen steigen die Wolken
hernieder. Nur mit Trauer kann man die Biographien der Männer
lesen, die für ihre Mitmenschen etwas tun wollten. Sokrates gaben sie
den Giftbecher, Gracchus töteten sie mit Stöcken und Steinen, und
einen, den größten und reinsten von allen, kreuzigten sie.
Ich bin in dieser Untersuchung dem Gange meiner eigenen Gedanken
gefolgt. Als ich mich im Geiste daran begab, hatte ich keine Theorie
zu stützen, keine Schlüsse zu beweisen. Nur, als ich zuerst das entsetzliche
Elend einer großen Stadt kennen lernte, erschreckte und quälte es mich,
und der Gedanke ließ mir keine Ruhe, was die Ursache davon sei, und wie
dem abgeholfen werden könnte.
Aber aus dieser Untersuchung ist etwas hervorgegangen, was ich
nicht zu finden dachte, und ein Glaube, der tot war, lebt wieder auf.
Das Sehnen nach einem künftigen Leben ist natürlich und tief.
Es nimmt mit der geistigen Entwicklung zu, und vielleicht fühlt es
George, Fortschritt und Armut. 26