Full text : Fortschritt und Armut

HÖH  Schluß.

vermag,  ob  in  dem  Lalle  eines  Apfels  oder  in  dem  Umlauf  der  Doppelsterne, ­
  sieht  der  Astronom  das  wirken  ein  und  desselben  Gesetzes,  welches
in  den  kleinsten  Abschnitten,  in  die  wir  den  Raum  teilen  können,  ebenso
wirkt  wie  in  den  unermeßlichen  Entfernungen,  mit  welchen  seine  Wissenschaft ­
  sich  befaßt.  Aus  den  Lernen,  die  fein  Teleskop  nicht  mehr  erreicht,
tritt  ein  Weltkörper  hervor  und  verschwindet  wieder.  Soweit  er  dessen
Lauf  verfolgen  kann,  ist  das  Gesetz  nicht  eingehalten.  Sagt  er  darum,
dies  fei  eine  Ausnahme?  )m  Gegenteil,  er  sagt,  es  sei  nur  ein  Teil
der  Kreisbahn,  den  er  gesehen  habe,  und  das  Gesetz  bewähre  seine  Gültigkeit ­
  über  den  Bereich  seines  Teleskops  hinaus.  Daraufhin  macht  er
feine  Berechnungen,  und  nach  Jahrhunderten  bewähren  sich  dieselben.
Spüren  wir  nun  den  Gesetzen  nach,  die  das  menschliche  Leben  in
der  Gesellschaft  regieren,  so  finden  wir,  daß  sie  in  dem  größten,  wie
in  dem  kleinsten  Gemeinwesen  dieselben  sind.  wir  finden,  daß  die  anscheinenden ­
  Abweichungen  und  Ausnahmen  nur  Kundgebungen  derselben ­
  Prinzipien  sind,  und  daß  überall,  wo  wir  es  verfolgen  können,
das  soziale  Gesetz  in  das  Moralgesetz  übergeht  und  mit  demselben  übereinstimmt; ­
  daß  im  Leben  eines  Gemeinwesens  die  Gerechtigkeit  unvermeidlich ­
  ihren  Lohn  und  die  Ungerechtigkeit  ihre  Strafe  findet.  )m
individuellen  Leben  vermögen  wir  dies  nicht  zu  sehen.  Betrachten  wir
nur  dies,  fo  vermögen  wir  nicht  zu  sehen,  daß  die  Gesetze  des  Weltalls
auch  nur  die  geringste  Beziehung  zu  gut  oder  schlecht,  recht  oder  unrecht,
gerecht  oder  ungerecht  haben*).  Müssen  wir  deshalb  sagen,  daß  das
im  sozialen  Leben  zur  Erscheinung  kommende  Gesetz  im  individuellen
Leben  nicht  zutreffe?  wissenschaftlich  wäre  es  gewiß  nicht,  dies  zu  sagen.
Von  nichts  anderem  würden  wir  es  sagen.  Müssen  wir  nicht  vielmehr
sagen,  dies  beweise  nur,  daß  wir  nicht  das  ganze  individuelle  Leben
sehen?
Die  Gesetze,  welche  die  Nationalökonomie  entdeckt,  stimmen,  gleich
den  Tatsachen  und  Beziehungen  der  physischen  Natur,  mit  dem  anscheinenden ­
  Gesetze  der  geistigen  Entwicklung  überein  —  sie  sind  nicht
ein  notwendiger  und  unfreiwilliger  Lortschritt,  sondern  ein  Lortschritt,
bei  dem  der  menschliche  Wille  eine  einleitende  Kraft  ist.  Aber  im  Leben,
wie  wir  es  kennen,  vermag  die  geistige  Entwicklung  nur  eine  kleine
Strecke  zurückzulegen.  Der  Geist  beginnt  kaum  zu  erwachen,  so  nehmen

*)  Täuschen  wir  unsere  Ainder  nicht!  Wenn  aus  keinem  anderen  Grunde,  so  aus
dem,  den  Plato  anführt,  weil,  wenn  sie  dahin  gelangen,  dasjenige  nicht  mehr  zu  glauben,
was  wir  ihnen  als  fromme  Label  erzählt  haben,  sie  auch  das  nicht  mehr  glauben  werden,
was  wir  ihnen  als  Wahrheit  gaben.  Die  Tugenden,  die  sich  auf  das  eigene  Selbst  beziehen,
bringen  gewöhnlich  ihren  Lohn.  Sowohl  ein  Kaufmann  als  der  Dieb  wird  mehr  Erfolg
haben,  wenn  er  mäßig,  vorsichtig  und  seinen  Versprechungen  getreu  ist;  was  aber  die
Tugenden  betrifft,  die  sich  nicht  auf  das  eigene  Selbst  beziehen:
„Es  scheint  ein  Märchen  aus  der  Geisterwelt,
Wo  jedermann  erhält,  was  er  verdient,
Und  jedermann  verdient,  was  er  erhält."
            
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