Das probiern des individuellen Lebens.
4;07
Obgleich die Wahrheit und das Recht oft unterjocht scheinen, wir
können es nicht ganz sehen, wie vermögen wir es ganz zu sehen? Alles,
was sich ereignet, selbst hier, vermögen wir nicht zu sagen. Die Schwing
ungen des Stoffes, welche die Empfindungen des Lichtes und der Farbe
geben, werden uns ununterscheidbar, sobald sie einen gewissen Punkt
überschreiten. Nur bis zu einer gewissen Entfernung unterscheiden wir
die Töne. Selbst Tiere haben Sinne, die wir nicht haben. Und diese
Erde? Zm Vergleich zum Sonnensystem ist unsere Erde nur ein ununter
scheidbarer Flecken, und das Sonnensystem selbst schrumpft zu einem
Nichts zusammen, wenn es nach den Tiefen des Weltalls ermessen wird.
Können wir sagen, daß, was unseren Blicken entgeht, ins Meer der
Vergessenheit versinke? Nein, nicht in Vergessenheit, weit, weit über
unseren Gesichtskreis hinaus müssen die ewigen Gesetze ihre Herrschaft
behaupten.
Die Hoffnung, welche erhebt, ist das Herz aller Religionen! Die
Dichter haben sie besungen, die Seher haben sie verkündet, und in seinen
tiefsten Pulsen pocht das perz des Menschen ihrer Wahrheit entgegen.
Das Wort Plutarchs drückt es aus, was zu allen Zeiten und in allen
Zungen von denen gesagt worden ist, die, reinen Herzens und scharfen
Blickes, sozusagen, auf den Berggipfeln der Gedanken stehend und über
den dunkelnden Ozean schauend, aus demselben das Land haben auf
tauchen sehen:
„Die hier mit Körpern und Leidenschaften umgebenen
Seelen der Menschen haben keine Gemeinschaft mit Gott,
außer soweit sie vermittels der Philosophie, wie ein Träumen
der, sich eine dunkle Vorstellung davon verschaffen können.
Aber wenn sie vom Körper befreit, in die ungesehene, unsicht
bare, unübersteigliche und reine Gegend versetzt sind, dann
ist dieser Gott ihr Führer und König; dort werden sie sich ge
wissermaßen ganz an ihn hängen und nimmer müde werden,
jene Herrlichkeit, die von Menschen nicht ausgedrückt werden
kann, anzuschauen und leidenschaftlich zu lieben."