Full text : Fortschritt und Armut

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Bevölkerung  und  Unterhaltsmittel.

Buch  II.

Die  Erklärung  dieser  sonst  unbegreiflichen  Tatsache  liegt  in  der
allgemeinen  Annahme  der  Malthusschen  Theorie.  Die  herrschende
Lohntheorie  ist  nie  gründlich  untersucht  worden,  weil  sie,  durch  die
Malthussche  Theorie  gedeckt,  der  Nationalökonomie  eine  selbstverständliche ­
  Wahrheit  zu  sein  schien.  Diese  beiden  Theorien  vermischen  sich,
stärken  sich  und  verteidigen  sich  gegenseitig,  während  beide  eine  weitere
Unterstützung  durch  einen  in  den  Erörterungen  ^der  Rententheorie
eine  Rolle  spielenden  Grundsatz  erfahren,  den  Grundsatz  nämlich,  daß
über  einen  gewissen  Punkt  hinaus  der  Aufwand  von  Kapital  und  Arbeit
in  der  Bodenkultur  einen  abnehmenden  Ertrag  ergebe.  Sie  geben  vereint ­
  eine  Erklärung  der  in  einer  hoch  organisierten  und  vorgeschrittenen
Gesellschaft  sich  darbietenden  Erscheinungen,  wie  sie  auf  alle  Tatsachen
zu  passen  scheint,  und  welche  darum  eine  nähere  Untersuchung  verhindert ­
  hat.
Welche  dieser  beiden  Theorien  die  Priorität  für  sich  beanspruchen
kann,  ist  schwer  zu  sagen.  Die  Bevölkerungstheorie  wurde  nicht  in
solcher  Weise  formuliert,  daß  sie  zu  einem  wissenschaftlichen  Glaubensartikel ­
  geworden  wäre,  wie  dies  für  die  Lohntheorie  geschehen  war.
Aber  sie  entstehen  und  entwickeln  sich  ganz  natürlich  miteinander  und
wurden  auch  beide  in  mehr  oder  weniger  roher  Form  anerkannt,  lange
bevor  irgendein  Versuch  zur  Errichtung  eines  nationalökonomischen
Systems  gemacht  war.  Aus  einzelnen  Sätzen  ist  ersichtlich,  daß  die
Ulalthussche  Theorie  in  ursprünglicher,  unentwickelter  Form  auch
Adam  Smith  vorschwebte,  wenn  er  sie  auch  nie  weiter  verfolgte,  und
diesem  Umstande  scheint  mir  die  falsche  Richtung,  welche  seine  Spekulationen ­
  über  den  Lohn  einschlugen,  hauptsächlich  zugeschrieben  werden
zu  müssen.  Wie  dem  aber  auch  sei,  die  beiden  Theorien  sind  so  eng
miteinander  verbunden,  sie  ergänzen  einander  dermaßen,  daß  Buckle,
der  in  seiner  „Untersuchung  der  schottischen  Philosophie  während  des
achtzehnten  Jahrhunderts"  auch  die  Entwicklung  der  Nationalökonomie
besprach,  hauptsächlich  Ulalthus  die  Ehre  zuerkannte,  die  herrschende
Lohntheorie  dadurch  „entscheidend  bewiesen"  zu  haben,  daß  er  die
herrschende  Theorie  vom  Drucke  der  Bevölkerung  auf  ihre  Unterhaltsmittel ­
  erfand.  Er  sagt  in  seiner  Geschichte  der  Zivilisation  in  England,
Band  III,  Kapitel  5:
„Kaum  war  das  achtzehnte  Jahrhundert  verflossen,  als  es  entscheidend  bewiesen ­
  wurde,  daß  der  Lohn  der  Arbeit  lediglich  von  zwei  Dingen  abhängt,  nämlich
von  der  Größe  jenes  nationalen  Fonds,  aus  welchem  alle  Arbeit  bezahlt  wird,  und
der  Zahl  der  Arbeiter,  unter  welche  der  Fonds  verteilt  werden  soll.  Dieser  große
Schritt  in  unserem  wissen  ist  hauptsächlich,  wenn  auch  nicht  ausschließlich  Malthus
zu  verdanken,  dessen  werk  über  die  Bevölkerung  nicht  bloß  einen  Abschnitt  in  der
Geschichte  des  spekulativen  Denkens  bezeichnet,  sondern  bereits  bedeutende  praktische
Resultate  hervorgebracht  hat  und  wahrscheinlich  fernerhin  zu  anderen,  noch  bedeutenderen ­
  führen  wird.  Es  wurde  im  Jahre  I7Z8  veröffentlicht,  so  daß  Adam  Smith,
der  \7yo  starb,  nicht  mehr  die  außerordentliche  Genugtuung  haben  konnte  zu  sehen',
wie  seine  eigenen  Ansichten  darin  nicht  sowohl  richtig  gestellt,  als  vielmehr  weiter
entwickelt  wurden.  In  der  Tat  ist  es  sicher,  daß  es  ohne  Smith  keinen  Malthus  ge-
            
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