Full text : Wirtschaft als Leben

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„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

wird.  (Eine  Wandlung  übrigens,  die  sich  nicht  von  heute  auf  morgen  vollziehen, ­
  die  eher  Geschlechter  überspannen  könnte;  davon  noch  unten.)
Sprechen  wir  im  gewöhnlichen  Leben  nicht  von  „Gras“  und  „Kräutern“,
oder  von  „Stein“  —  und  was  weiß  die  Botanik,  die  Mineralogie  damit  anzufangen! ­
  Andererseits,  ist  das  Denken  der  Chemie  nicht  über  den  „Begriff“
vom  „Stein  der  Weisen“  in  einem  grundwesentlichen  Sinne  hinausgewachsen,
das  physikalische  Denken  nicht  über  den  „horror  vacui“,  oder  spricht  die
Medizin  etwa  noch  von  „Säften“!  Nun,  der  Sinn  der  Absage,  die  vom
nationalökonomischen  Denken  an  seine  Lieblingsworte  erginge,  kann  im
einzelnen  Falle  bald  an  das  eine,  bald  an  ein  anderes  jener  Beispiele  erinnern.
Nur  hätte  jener  Wandel  seine  einheitliche  und  streng  grundsätzliche
Bedeutung.  Dies  gilt  in  solchem  Grade,  daß  im  einzelnen  Falle  leicht  nur
„taktische“  Rücksichten  davon  abhalten  könnten,  hinterher  Namen  aus
einzelnen  der  Worte  zu  machen,  die  man  gerade  zuvor  aus  ihrer  beherrschenden
Stellung  gedrängt  hätte.  Eben  nicht  den  Worten  selber,  ihrer
unbefugten  Rolle  gilt  der  Angriff!
Wie  fest  unter  den  oben  erörterten  Umständen  der  Glaube  wurzelt,  daß
solcher  Angriff  von  Haus  aus  ein  hoffnungsloser  sei,  davon  haben  die  Besprechungen ­
  Zeugnis  abgelegt,  die  meine  mehrfach  erwähnte  Erstlingsschrift
gefunden  hat.  Dort  habe  ich  die  gleichen  Fragen  angeschnitten,  nur  in  einem
viel  engeren  Bezirk,  und  es  beim  Fragen  belassen  1 ).
Besonders  in  dieser  Sachlage  ist  für  mich  die  Mahnung  belegen,  der
vorliegenden  „Streitschrift  wider  Willen“  eine  Darlegung  jener  positiven
Ergebnisse  auf  dem  Fuße  folgen  zu  lassen,  von  deren  Boden  aus  ich  mich
zu  dieser  Kritik  vorwage,  die  andererseits  der  letzteren  doch  den  Vortritt
lassen  müssen.
Nicht  eben,  um  darzutun,  daß  man  dort  auch  „bauen“  kann,  wo  diese
Kritik  „niederreißt“.  Denn  schon  von  „Niedeiyeißen“  läßt  sich  nicht  gut
sprechen,  wo  es  (im  Wege  der  Selbstbesinnung)  nur  d  e  m  zu  wehren  gilt,  daß
sich  unser  Denken  um  schöner  Worte  willen  an  der  Erfahrung  versündigt.
Und  gar  von  „Bauen“  darf  nicht  die  Rede  sein,  wenn  es  sich  nur  um  tastende
Versuche  handeln  kann!  Denn  in  letzter  Linie  fällt  die  „Herrschaft  des
Wortes“  mit  nichts  anderem  in  eins,  als  mit  der  hundert-  und  aberhundertjährigen ­
  Gewohnheit  des  wissenschaftlichen  Denkens,  den  Urgewohnheiten  des
„gewöhnlichen“  Denkens  zu  fröhnen;  jenes  Denkens,  das  mit  unserem  Handeln
wurzelständig  ist,  und  ihm  verwachsen  bleibt,  nach  wie  vor.  Solcher  Gewohnheit ­
  Fesseln  streift  aber  selbst  das  wissenschaftliche  Denken  nicht  eins  zwei
ab.  Es  muß  sich  auch  in  diesem  Punkte  erst  allmählich  zu  sich  selber  erziehen.
*)  Vgl.  E.  v.  Böhm-Bawerk,  in  der  Zeitschrift  f.  Sozialpolitik  und  Verwaltung.
VII.  Bd.,  1898,  S.  428ff.  und  C.  Rist,  Revue  d'economie  politique,  Okt.-Nov.  1899,  S.  9 2 3-
            
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