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„Die Herrschaft des Wortes“,
seine Bequemlichkeit läßt das Wort herrschen. Dem ist hier nun ge
steuert. Hier bauen wir eben von dem gewachsenen Boden des Er
fahrenen, von dem Erlebten herauf, und nicht erst auf dem Wortschutt,
den das sprachschaffende Denken darüber abgelagert hat. Ich meine
jenes urwüchsige, mit dem Handeln verwachsene Denken, dem zugleich
auch die Sprache verwachsen bleibt, weil es sich im Schaffen der
Sprache erst recht ermöglicht und abklärt.
Werten und Werben, das schließt sich in keiner Weise gegenseitig
aus. Dazu sind die Gebaren viel zu verschieden, die jenen Arten
von Zusammenhang unterliegen. Dort ein Verketten von Handlungen,
hier ein Handeln aus einer Verkettung heraus. Eher darf man sagen,
es hingen unsere ganzen Handlungen zu gleicher Zeit im Sinne des
Wertens und im Geiste des Werbens zusammen. Das werbende Handeln
z. B. wird in besonders strenger Zucht vom Werten gehalten. Dort
eben, wo man kämpfend gegen die Not vorgeht, wird man am aller
letzten übersehen, mit der Not zu rechnen. Und dann wieder, weshalb
jagen die Leute so fieberhaft dem Erwerbe nach? Man will sich freiere
Bewegung wahren, will die Formel Werten möglichst fern halten von
dem heimeligen Rest des Handelns; jene schnöde Formel, mit der
gleichsam die Not selber ihre dürren Finger drosselnd um Wunsch
und Verlangen krallt. Und so weben diese Zusammenhänge vielfach
über- und untereinander hinweg, im krausen Gespinste des Alltags.
Einen Blick noch auf das persönliche Gebaren, das unter
dem Hergang „Werten“ betätigt wird. Die Wahlentscheidung
im Handeln steht da in Frage. Aber steht es nicht außer Frage,
daß es hier zu einem „Schätzen des Wertes“ kommt, in mancherlei
Wendung? Nun, reden kann man natürlich auch hier von „Wert“;
wo denn nicht! Mit der Geschmeidigkeit dieses Wortes läßt sich ja
Kautschuk kaum mehr vergleichen. Aber für seine Dienste verlangt
es Wucherlohn. Nur im Hauch sei angedeutet, daß in jenen Bereichen
das Wort „Wert“ einer Verquickung zerfällender und unzer-
fällender Erkenntnis Vorschub leistet; weil man von „Wert
urteilen“ sprechen kann, zieht es nach der einen, weil man daneben
auch von „Wertgefühlen“ reden kann, wieder nach der anderen Rich
tung; wobei ihm in der letzteren Hinsicht die rettenden Worte „Lust“
und „Unlust“ sekundieren. Im Enderfolg ist also Rechts und Links ver
tauscht. Allein, auf einen richtigen Streit dürfte ich mich hier nicht
einlassen. Dazu ist dieser Wertlaut ein viel zu verschlagener Geselle.
In Kürze wird man nie recht fertig mit ihm, wo immer er auftaucht;
sofern er nicht einfach ein trockenes Sprachgleichnis ist, wie in der
Mathematik oder Technologie. „Wert“, das ist so recht das Wort der