Haushalten und Unternehmen, IX.
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kleinmütig; der Schleier, der in solchen Fällen die Eigenart des Gebildes
verhüllt, tut es nicht allein. Unser Denken empfindet jenen Mangel be
sonders peinlich. Man kann die strebigen Zusammenhänge an sich gewiß
nicht über die „seitlichen“ stellen; unser Interesse jedoch haben jederzeit
die strebigen Zusammenhänge in Pacht. Wie sehr wir uns vorzüglich
für das Technische interessieren, prägt sich im großen und im kleinen
aus. Dafür zeugt z. B. die „naturwissenschaftliche“, also dem Streben zu
gewandte Richtung, die der theoretische Geist zunächst eingeschlagen hat,
nachdem er einmal erwacht war. An den Folgen trägt unsere ganze Denk
weise schwer genug. Sie ist ja ewiglich auf Eine Schablone versessen;
unter diesen Umständen mußte es die naturwissenschaftliche sein; daher auch
der Kausalitätskoller und der Gesetzesdusel gegenüber der Schicksalswelt,
von denen nebstbei ganz besonders gilt, was ich dann von der „allzu-orga-
nischen" Auffassung der Gebilde sagen muß. Oder nehmen wir z. B. die
schildernde Wissenschaft: wenn sie nichts Eiligeres zu tun hatte, als den
Einzelnen, die Fürsten, zum mindesten die Völker die Kunst zu lehren,
wie man „reich“ wird! Auch sie mußte ihr alchimistisches Zeitalter durch
machen.
Gewiß, es tritt dann ein „Rückschlag“ ein, eine „Reaktion“. Aber man
glaube ja nicht, daß man aus dem Regen des einen Extremes gleich in die
rraufe eines anderen kommen müßte. Steckt denn hinter dieser „Reaktion
blindes Walten? Naturgeschehen etwa, das sich einmal so, dann wieder
anders verallgemeinern ließe? Hängt der „Rückschlag“ in der Schicksals weit
nicht einfach nur am Allzusammenhang des Erlebten, kraft dessen sich
Überspannungen ausgleichen! Die Maschen dieses Allzusammen
hanges sind ja in wählender Tat geknüpft; da kann also sehr gut auf
ein Falsches das Richtige „rückschlagen“, und das letztere dann ruhig
beharren; weil es als solches nie einer Überspannung gleichkommt, weil es
vielmehr der wählenden Tat, wenn sie weiterflicht, dauernd gelegen bleibt.
In dieser Welt kann man jedenfalls die Zeit, die der Italiener „ehrlich“
nennt, auch „klug“ nennen. Sie verhilft dem, was klug ist, zum Siege. a
bedarf es immer erst der Erläuterung, wie man vom Klugen wieder ab-
kommen konnte. Die Präsumption liegt in der Schicksalswelt allemal beim
„Fortschritt“. Freilich darf man ihn nicht dort suchen, wo das Be
harren des Allzusammenhanges mitsprechen muß. Das gilt z. B. für jene,
aus dem Allzusammenhang selber erblühende Forderung, die verklärt im
holdesten Menschenworte anklingt: „Liebe“! Sie braucht, als Forderung
erkannt und gestaltet, nicht immer' in edler Gestalt zum Durchbruch zu
kommen; das kann auch in sehr krauser Form geschehen. Aber schließlich
bleibt mit dem Allzusammenhang, und mit dem Wandel alles Übrigen,
doch auch sie ein Ewiges. Bei dem ewigen Wandel um sie herum muß