Full text : Wirtschaft als Leben

Ausblicke,  VI.

28l

über  das  Werk.  Diesen  Gesichtspunkt  kann  sich  die  Kunstgeschichte
nicht  selber  setzen.  In  der  Tat  übernimmt  sie  ihn  von  der  Ästhetik;
ganz  ähnlich,  wie  die  Rechtsgeschichte  den  ihrigen  von  der  Jurisprudenz
entlehnt.  Man  sieht  auch,  daß  sich  so  wurzelfremde  Einheiten  —  Einheiten ­
  der  Erkenntnis  im  Nacheifern  der  Welt  des  Handelns  nicht
„addieren“  ließen.  Freilich  müssen  auch  diese  Wissenschaften  dem
All-Bezug  Rechnung  tragen.  Jede  weitet  sich  ganz  von  selber  so  aus,
wie  es  für  den  Fall  der  berichtenden  Wissenschaft  angedeutet  wurde.
Keine  von  diesen  Wissenschaften  könnte  aber  die  schildernde  oder
berichtende  Wissenschaft  entbehrlich  machen,  sie  gleichsam  von  der
Seite  her  unterlaufen;  und  wenn  sie  noch  so  sehr  dem  All-Bezug  nacheifert. ­
  Oder  sie  müßte  einfach  ihr  Rückgrat  vertauschen,  auf  ihre
Selbständigkeit  verzichten,  um  entweder  in  der  Historie  oder  in  der
Nationalökonomie  aufzugehen.  Ihre  Sonderheit  hängt  eben  wesentlich
an  dem  fremden  Gesichtspunkt,  der  von  Haus  aus  der  Erledigung
der  Welt  des  Handelns  sich  aufzwingt.
Mit  diesen  Ausflügen  wollte  ich  den  Satz  etwas  erläutern,  daß  nur
die  berichtende  und  die  schildernde  Wissenschaft  gegenüber  der  Welt
des  Handelns  echte  Erfahrungswissenschaften  seien.  Weil  aber  Erfahren ­
  mit  dem  Erleben  in  eins  fällt,  und  dieses  Erleben  das  Handeln
betrifft,  so  erscheinen  jene  Schwestern  zugleich  als  die  einzigen
„Aktionswissenschaften“.  Sie  allein  werden  dem  Reiche  der  Tat  rein
um  seiner  selbst  willen  gerecht;  sie  allein  packen  das  erlebte  Geschehen
als  solches,  in  seiner  All-Einheit.  Die  anderen  suchen  nur  darin
herum,  wie  es  in  ihren  Kram  paßt,  ihren  abgesonderten  Einheiten  sich
einfügt.  Als  Mensch  aber,  der  mit  seinem  Schicksal  dem  Einen  und
großen  Gewebe  verflochten  ist,  gilt  mein  erstes  Interesse  schlechthin
dem,  „was  geschehen  ist,  und  wie  es  sich  zugetragen  hat“.
So  ein  bißchen  sollte  auch  ein  Streiflicht  auf  die  liebe  Gewohnheit
der  Schlüsselworte  fallen.  In  je  friedlicherem  Nebeneinander  man
da  „Gebiete“  denkt,  „Staat“,  „Wirtschaft“,  „Gesellschaft“,  „Recht“,
„Kunst“,  „Sitte“,  „Kultur“  usw.,  Kraut  und  Rüben  hübsch  durcheinander, ­
  desto  einfacher  muß  die  Teilung  der  Welt  des  Handelns  unter
ihre  Wissenschaften  erscheinen!  Dann  fehlt  eben  nur,  daß  man  auch
den  gemeinsamen  Stoff  noch  verkennt  und  sich  die  Welt  des  Handelns
etwa  als  eine  gemütliche  Ecke  im  Hause  der  „Allmutter  Natur“  vorstellt. ­
  Dann  ist  das  Fächerwerk  der  Wissenschaften  so  furchtbar
einfach,  wie  es  nur  der  große  Gedankensparer,  das  Wort,  zu  drechseln
vermag.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.