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,Die Herrschaft des Wortes“,
zwischen mancherlei werden über derlei Vorstellungen klarer. Nur
muß man sich hüten, diese Art „Entwicklungen“, die allein der
gedachten Zeit beigeordnet bleiben, an irgendeinem, noch so un
bestimmten, in noch so graue Fernen gerückten Platz in der lebendigen
Zeit unterzubringen! Die „Widerlegung“ bliebe natürlich aus; aber
der Selbstbetrug ist da. Man darf nicht für Erkenntnis nehmen, was
nichts als Erwägungen sind, von „regulativer“ Bedeutung für das
Erkannte.
Nun ein weiterer Gegensatz zwischen System und System. Alle
Artbegriffe, die man der schildernden Wissenschaft entnehmen kann,
hängen untereinander aufs innigste zusammen. Nur
damit bewähren sie sich als brauchbares Werkzeug, um der All-Einheit
des Geschehens nachzueifern. Dieser innige Wechselbezug fehlt den
Gliedern jener Systeme der Natur; hier kommt er nur vereinzelt in
Betracht — „Schmarotzerwesen“, „Tierstaaten“. Jener Wechselbezug
unter den Artbegriffen trifft bloß für die Biologie zu. Und damit
liegt die einzige Verwandtschaft zwischen Biologie und schildernder
Wissenschaft vor. Im praktischen Sinne geht also das Band nur über
den lehrhaften Auszug der letzteren Wissenschaft hinüber. Daher auch
die didaktische Bedeutung der „organischen Auffassung“; mit
der ja der Forscher gar nichts anfangen kann, weil er keinen gefähr
lichen Umweg einschlagen wird, wo ihm das Durchschauen des Zu
sammenhanges schon auf dem geraden Wege möglich wird, während
umgekehrt der Biologe unablässig im Kielwasser des unzerfällen-
den Denkens bleibt, und wenn er noch so „mechanistisch“ denkt.
Der Gegensatz im Artbegriff, hier des zerfällenden, dort des unzer-
fällenden Denkens, besteht zwischen schildernder Wissenschaft und
Biologie grundsätzlich sofort in voller Schroffheit. Nur die „Ontogenie“
bringt da in der Tatsache eine eigentümliche Annäherung zuwege:
statt daß sich die Gegenstände von der Wurzel aus durchdenken
lassen, „entwickeln“ sie sich vor unseren Augen. Übrigens bleibt für
unsere hergebrachte Logik, trotz ihrer „genetischen“ Definition, gemäß
Schema „F, c“, schon die Biologie ganz außer Sehweite. Selbst der
wissenschaftlichen Logik ist von sehr berufenen Seiten vorgeworfen
worden, daß sie mehr eine solche der „Körperwelt“, will sagen der
Natur-Systeme sei. Im allgemeinen mag dies zutreffen; trotzdem gilt,
und so viel auch im Interesse des unzerfällenden Denkens zu ver
fechten bleibt, daß man sich in allen Stücken auf die wissenschaftliche
Logik berufen könnte. Nur jene Logik des wissenschaftlichen Alltags
hat sich alleinig den Bedürfnissen des erobernden Denkens angepaßt,
als ein fauler Kompromiß zwischen Scholastik und Naturwissenschaft;