ßo8 ,,Di e Herrschaft des Wortes“,
Enderfolge muß sich das Schicksal erfüllen, das immer hereinbricht,
wo immer das Wort herrscht: Um die Achse der Worte
dreht sich das Karussell der Systeme und Theorien,
und dreht sich endlos, ohne daß einer vor den an
deren einen richtigen Vorsprung gewinnen könnte.
Statt echten Fortschrittes ist Inzucht da; zwischen Gemeiner Erfahrung
und einer Tradition, die um so starrer ist, weil hier der Anfang aus dem
guten Grunde von „Klassikern“ gemacht wurde, daß es ausreicht, an
zufangen, um als „Klassiker“ zu gelten.
In der Tat, die allein haben etwas voraus, die jenen Anfang
machen, der sich nur wiederholen läßt, und in diesem armseligen
Sinne gleich das Ende ist. Da ist freilich nichts zu überholen;
Klassizität also billig erworben. Gewiß ist es ein Verdienst, auf einem
Wege voranzugehen, sei es auch ein krummer. Aber schon dieses
Verdienst ist vom Tatbestand recht beschnitten. Wenn irgendwo, ist
hier der einzelne nur das „Werkzeug einer allgemeinen Bewegung“.
Wie überall in der Welt des Handelns Denken und Geschehen Arm
in Arm wandeln, so auch dort, wo sich der Alltag auf Umwegen selber
entdeckte; dort mußte es zur Wissenschaft vom Alltäglichen drängen.
Das Geschehen hat dem Denken die geniale Tat erleichtert. Das
wäre schließlich nur ein persönliches Verdienst geworden. Wo bleiben
aber die Rechte der schildernden Wissenschaft, wenn man dort von
„Klassikern“ sprichtl Vergessen wir nicht, daß hier Autorität
weniger um der Wissenschaft halber, eher auf Kosten der Wissen
schaft erblüht ist. So sehr es der allgemeinen Lage entsprungen war,
der Alltag war doch verblüfft, sich in einer Wissenschaft wiederzu
erkennen. Er befand sich in der geschmeichelten Stimmung jener
Moliereschen Figur, die erfährt, daß sie zeitlebens „Prosa“ gesprochen;
so empfing der Alltag die Kunde, daß er durch und durch National
ökonomie seil Kein Wunder, daß man diese Wissenschaft interessant
bis zur Hoffähigkeit fand. Kein Wunder, daß sie in unerhörtem Maße
in der Bewegung Faktor wurde, aus der und für die sie geboren wurde.
Auch das ist sofort erklärlich, daß eine Wissenschaft, die aus eigenster
Schwäche mit dem Alltag Eines Geistes war, den Alltag am
tiefsten bewegt hat; bis zur Ablenkung der mächtigsten Stromlinien
des erlebten Geschehens. Aber was kümmert dies alles die Wissen
schaft, die hier in der Larve steckte 1 Mittelbar leider sehr viel. Die
Bergeslast der Autorität, die nur „draußen“ zu erwerben war, hat sich
„drinnen“ auf die Köpfe gewälzt. Wer weiß, ob wir nicht ohne unsere
„Klassiker“ viel weiter gekommen wären. Die unvermeidliche
Verkennung hätte sich nicht so zur starren Verknöcherung aus-