Full text : Wirtschaft als Leben

Abschnitt  I.  343

Geschichtsforschern  lieber  eine  Frage  behandeln,  die  unsere  Wissenschaften ­
  solidarisch  findet.
Die  Wendung  von  den  Grenzen  der  Geschichte  läßt  sich  auch
noch  anders  verstehen.  Unwillkürlich  denkt  man  an  den  Satz  Rankes,
daß  alle  Geschichte  erst  mit  dem  Schrifttum  beginnt.  Wie  ist  dies
wieder  gemeint?  Zweifellos  wird  dabei  an  die  festere  Form  gedacht,
die  von  da  ab  die  geschichtliche  Erinnerung  der  Völker  annimmt.
Im  tatsächlichen  Erfolg  aber  sind  damit  die  Grenzen  der  Geschichtsschreibung ­
  bestimmt,  und  zwar  ihrer  praktischen
Möglichkeit.  Bis  dorthin  zurück  kommt  die  Vergangenheit  buchstäblich ­
  selber  zum  Wort;  als  ihr  kluger  Dolmetsch  erscheint  die  Geschichtsschreibung ­
  möglich.  Darüber  hinaus  ist  die  Vergangenheit
stumm,  man  kann  gleichsam  nur  mehr  ihre  Gebärden  zu  deuten  suchen.
Ein  Unterschied,  der  tatsächlich  schwer  ins  Gewicht  fällt.
Auch  die  Grenzen  der  theoretischen  Möglichkeit
einer  Geschichtsschreibung  hat  man  wiederholt  zu  bestimmen
gesucht.  Wenn  Ottokar  Lorenz  den  Anfang  der  Geschichte  in
dem  „Auftreten  des  auf  den  Staat  wirkenden  Menschen“  ersehen
wollte,  Eduard  Meyer  einstmals  in  dem  „Hervorbrechen  der  Individualität ­
  als  eingreifender  Faktor  im  Leben  eines  Volkes“,  so  hat  dies
ungefähr  jene  Bedeutung.  Man  sucht  den  Punkt  zu  bestimmen,  über
den  hinaus  es  auf  keinen  Fall  mehr  möglich  wäre,  Geschichte  zu
schreiben;  wobei  für  jeden  einzelnen  dieser  Versuche  an  eine  Geschichtsschreibung ­
  eines  ganz  bestimmten  Geistes  zu  denken  ist,  jenes  nämlich,
der  sich  gerade  bei  dieser  Gelegenheit  klar  verrät.  Denn  es  hat  diese
Art  Grenzermittlung  den  versteckten  Sinn,  daß  sich  der  betreffende
Forscher  über  seine  allgemeinsten  Anschauungen  Rechenschaft  ablegt
Wer  in  solcher  Weise  nach  dem  Anfang  der  Geschichte  fragt,  umschreibt ­
  eben  nur  die  Frage,  was  Geschichte  ist  und  Geschichtsschreibung
will.  Für  die  Stellung,  die  der  ausübende  Historiker  zur  Theorie
nimmt,  ist  es  bezeichnend,  wenn  er  das  Wesen  der  Geschichte  gleich
im  Bilde  ihres  Anfanges  zu  erschauen  sucht.  Auch  erscheint  es  von
seinem  Standpunkt  aus  vollauf  gerechtfertigt,  wenn  er  dabei  als
Geschichte  nur  das  zu  bestimmen  sucht,  was  eine  Geschichtsschreibung
seines  Geistes  erst  möglich  macht.  In  diesem  dritten  Falle  ihrer
Deutung  besagen  also  die  Grenzen  der  Geschichte  eigentlich  nur  eine
theoretische  Hilfsvorstellung  der  ausübenden  Historie.
Drei  Deutungen  habe  ich  in  Kürze  vorgeführt.  Man  kann  erstens
die  Grenzen  des  historischen  Arbeitsfeldes  im  Sinne  haben,
zweitens  die  Grenzen  der  praktischen,  drittens  die  Grenzen  der
            
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