Full text : Wirtschaft als Leben

Abschnitt  1.

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Was  ist  nun  für  die  Historie  dieser  Erfahrungsstoff,  das  also,
was  uns  ihr  gegenüber  als  das  Primäre  erscheinen  darf?  Der  Forscher,
daran  ist  nicht  zu  zweifeln,  hat  es  in  aller  Regel  nur  mit  der  Überlieferung ­
  zu  tun,  mit  irgendeiner  Form  der  Erinnerung  an  das
einstmals  Geschehene.  Aber  dieses  Ganze  der  „Quellen“,  der  aufgefundenen ­
  und  noch  aufzufindenden,  gehört,  in  der  Eigenschaft  des
„Materiales“  für  die  Geschichtsschreibung,  schon  zum  praktischen  Betrieb
der  Wissenschaft.  Jenes  Primäre  wird  erst  jenseits  der  Überlieferung
zu  suchen  sein.  Es  bedarf  nun  keiner  langen  Erörterung,  daß  dieses
Primäre,  demgegenüber  die  Überlieferung  nur  mehr  eine  Art  stellvertretende ­
  Wirklichkeit  besagt,  ein  Geschehen  sei;  jenes  Geschehen
offenbar,  das  unser  Deutsch  mit  dem  Ausdrucke  „Geschichte  so
hübsch  und  bedeutungsvoll  in  eins  zu  fassen  weiß  1 ).
Wer  nun  nach  den  Grenzen  der  Geschichte  fragen  will  und  als
Geschichte  den  Erfahrungsstoff  der  Historie  im  Auge  hält,  für  den
muß  jenes  Geschehen  ein  ganz  besonderes,  etwas  Spezifisches
sein  5  so  zwar,  daß  es  sich  mit  keinem  anderen  Geschehen  verwechseln
läßt,  mit  keinem  anderen  sich  vermischt.  Sonst  hätte  es  ja  gar  keinen
Sinn,  nach  den  Grenzen  dieses  Geschehens,  nach  seinen  realen
Ausläufen  zu  fragen.  Also  erscheint  die  spezifische  Natur  des
Geschehens,  das  man  unter  Geschichte  versteht,  als
die  notwendige  Voraussetzung  unseres  Problems.
Wie  es  scheint,  handelt  es  sich  einfach  um  den  Anfang  des
Geschehens,  das  uns  als  Geschichte  spezifisch  wäre.  Allein,  hier  ist
sofort  ein  Einspruch  am  Platz.  Wer  solche  Fragen  der  äußersten
Neugier  aufwirft,  darf  sich  nicht  auf  die  Erwägung  beschränken,  ob  er
die  oder  jene  Antwort  auch  zu  verantworten  weiß:  er  muß  schon  für
die  Frage  gutstehen.  Und  wirklich  entpuppt  es  sich  als  eine  Voreiligkeit, ­
  statt  nach  den  Grenzen  gleich  nach  dem  Anfang  der  Geschichte
zu  fragen.
Was  könnte  dieser  Anfang  sein?  Der  Anfang  alles  und  jeglichen
*)  Nach  der  Ausdrucksweise,  die  ich  in  den  bezüglichen  Ausführungen  a.  a.  O.
befolgt  habe,  müßte  ich  den  Erfahrungsstoff  der  Historie  als  die  „Welt  des  Handelns“,
„Welt  der  Erlebungen“  bezeichnen,  während  der  Ausdruck  „Geschichte“  einem  engeren
Sinne  Vorbehalten  bliebe.  Hier  im  Vortrage  verbietet  sich  diese,  an  sich  gewissenhaftere
Terminologie,  da  ihre  Rechtfertigung  zu  weit  führen  würde.  Auch  schädigt  es  die  hier
behandelte  Sache  nicht,  wenn  ich  in  der  Anlehnung  an  die  landläufige  Ausdrucksweise
Unterscheidungen  übergehe,  die  erst  dort  von  Bedeutung  wären,  wo  es  sich  um  die
Grenzen  zwischen  Nationalökonomie  und  Historie  handelt.  Hier  aber  gilt  es  eine  gemeinsame ­
  Angelegenheit  beider,  als  Wissenschaften  vom  handelnden  Menschen,  als
„Aktionswissenschaften“.
            
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