Abschnitt I.
349
schehen der historischen Jahrtausende. Auch weiter zurück
hört das Geschehen noch nicht auf, in jenem naivsten, aber ein
deutigsten Sinne als Geschichte spezifisch zu sein. Wir sprechen dann
zwar von der „prähistorischen“ Zeit, von der „Vorgeschichte“, oder
„Urgeschichte“, und statten sie mit Hunderttausenden von Jahren aus.
Aber dieser Namenswechsel erfolgt, um es kurz zu sagen, bloß im
Rankeschen Geiste: man respektiert hier die Grenzen der praktischen
Möglichkeit einer Geschichtsschreibung. Das Geschehen bleibt vor
läufig noch dem Menschen verknüpft und ändert seine spezi
fische Natur erst dort, wo man die Ursprünge des
Menschengeschlechts hinverlegt. Je nach dem Stande der
Forschung mag dies nun im älteren Diluvium, oder im Tertiär, oder
wo immer sein, dort lägen dann die Grenzen der Ge
schichte. Dort hätte das Geschehen den entscheidenden Wende
punkt passiert. Herwärts jener Phase in der gattungsmäßigen Ent
wicklung der Lebewesen wäre uns ein Geschehen als Geschichte er
faßbar geworden; selbst vom Standpunkte des ausübenden Historikers
aus wäre von da ab Geschichte wenigstens möglich geworden.
Jenseits jener Phase aber vermischt sich dieses Geschehen dem mütter
lichen Strome des Gesamtgeschehens, von dem es ja überhaupt nur
ein abzweigendes Äderchen vorstellt; sagen wir, es verliert sich von
da ab in dem Geschehen der geologischen Jahrmillionen.
Auf den ersten Blick scheint es allerdings um die Aussichten der
Kritik schlecht bestellt. Handelt es sich doch um lauter Dinge, die
uns allmählich zu Gemeinplätzen der Erkenntnis geworden sind. Es
gilt dies im einzelnen, wie fürs Ganze. Daß nur ein einziges Kontinuum
des Geschehens die Welt erfüllt, der einen Zeit entlang, das wird ja
als eine unerschütterliche Grundlage unseres ganzen modernen Denkens
angesehen. Aber gerade auf dieser Grundlage scheint auch jene
Lösung unseres Problems zu ruhen; wo soll also der Zweifel da
hinaus 1 Die Sache scheint ja, ein für allemal, glatt und aufs beste
erledigt! Nun, ich kann mir nicht helfen, ich finde eben doch ein
Haar darin.
Prüfen wir einmal das Verhältnis, das hier zwischen Geschehen
und Erkenntnis des Geschehens besteht. Auf der einen Seite
also das System alles realen Geschehens, wie es im Geiste der natur
wissenschaftlichen Weltanschauung vorliegt; auf der anderen Seite das
System unserer Erkenntnis, zu dem sich die verschiedenen Disziplinen
zusammenschließen. Es wäre also der große und einheitliche Verlauf
des gesamten Geschehens da: Das Geschehen der historischen Jahr
tausende bildet mit dem Geschehen der geologischen Jahrmillionen eine