Abschnitt II.
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Gedanken von der Spur der Menschenhand, und von der Spur der
Elemente aus, und bei ihrer spielenden Wanderung von da und dort her
führen sie in viel zu gesonderte Vorstellungsbezirke, um nicht zu einem
Vergleiche herauszufordern. Und so mag uns im stummen Zwie
gespräch mit jenem Winkel der Sinn geologischer Erkenntnis
und der Sinn historischer Erkenntnis klar werden.
Es ist ein nüchternes Tun, ein recht alltägliches Geschehen, was
uns da in Formen des Gesteines überliefert erscheint. Diese Vorarbeit
für irgendeinen Bau, das Zurüsten von Säulen, ist kaum im eigent
lichen Sinne von geschichtlichem Belang. Wenn der Blick das große
Gewebe der Erlebnisse in seinen Zusammenhängen verfolgt, so wird
ihm hier kaum ein merklicher Anhalt geboten sein; ein „Ereignis also
war dieses Treiben römischer Werkleute schwerlich. Immerhin, eine
steinerne Urkunde liegt vor, die man nur richtig lesen und mit tausend
anderen Überlieferungen gültig verknüpfen muß, und dann zeugt auch
sie dafür, daß die Römer einst auf germanischem Boden Fuß gefaßt
hatten. Und vielleicht gilt hier noch mehr. Es ist ja eine ergreifende
Vorstellung, die sich im Angesichte dieser jählings unterbrochenen
Arbeit aufdrängt. Da schaffen Leute in Granit, mühen sich in weit
ausholender Vorsorge für ihren Wohnsitz, wollen Jahrhunderte trotzigen
Beharrens vorwegnehmen, und vielleicht der nächste Tag schon bringt
Tod den Einen, Flucht dem Rest, Abzug auf Nimmerwiederkehr 1 So
geringfügig also, so ungeschichtlich jenes Geschehen, vielleicht hat
seinen Weg ganz unmittelbar der Schritt gewaltiger Ereignisse gestreift.
Um so lebhafter reißen sich unsere Gedanken von diesem Fleckchen
Erde los und stürmen in die Zeiten, dem Sinne der historischen
Erkenntnis getreu. In den stillen Waldwinkel herein dringt das Brau
sen der Geschichte, das Getöse der streitenden Völker, ihr Jubel und
ihre Klage. Wir sehen das bißchen Geschehen, das vor unserem
geistigen Auge aus jener Spur der Menschenhand sickert, hineingerissen
in den wirbelnden Strom der Geschehnisse, der durch die Jahrtausende
zu uns heranflutet. Und so löst sich für das Denken des Historikers
die starre Form des Gesteins in eine Bewegung auf, die sich nach
tausend Richtungen weiterspinnt, nimmer rastend, immer wechselnd,
eitel Geschehen.
Freilich, legt man die Hand fragend auf jene eigentümlich regel
mäßigen Formen des Gesteins, so ist es auch nur der Historiker,
der uns erschöpfende und befriedigende Auskunft mit den Worten
gibt: Hier waren die Römer an einer Arbeit. Damit haben wir ein
Ding, das aus der Zeit verstanden sein will, tatsächlich erfaßt.
v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft als Leben. ^3