Anhang, XX.
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seiner Zusammenhänge differenzieren würde und um eine Gruppe neuer
Bedingungen seines Verlaufes komplizieren. Von allen Erwägungen,
die hier zu pflegen waren, wäre auch kein Jota preiszugeben. Mit
ihnen allen verträgt sich jene paradoxe Annahme aufs beste. Aber
wie stünde es dann um die metahistorische Konstruktion der „Stamm
bäume“? Vom Boden des praktischen Denkens, das prinzipielle
Skrupel nicht kennt, wäre jene Konstruktion dann schlankweg be
wiesen, ihre Details der absoluten Gewißheit näher gebracht, als
es für irgendein Ergebnis der historischen Forschung gelten könnte.
Von jenem prinzipiellen Standpunkte aus, der hier der allein zu
lässige ist, stünde die Sache radikal anders. Der absoluten Ge
wißheit über das, was wirklich geschehen ist, um die
vorliegenden Verhältnisse zu schaffen, wäre man, beim
Fortschreiten vom heutigen zu jenem idealen Zustand,
auch nicht um Linienbreite näher gekommen. Auch dann
nicht, wenn alle übrigen konkreten Grundlagen des metahistorischen
Systems auf den höchsten Grad der Güte gesteigert wären; wenn man
alle benötigten paläontologischen Funde aufgestöbert hätte, alle denk
bare Harmonie mit dem System der „Epochen“ erzielt. Man verkenne
doch nicht, daß mit all diesem nur die Gültigkeit der walten
den Analogieschlüsse als solche ins ungemessene gesteigert
wäre; aber Analogieschlüsse blieben sie nach wie vor, und darum
bliebe auch das prinzipielle Verhältnis bestehen, die Zwitternatur
der Ergebnisse. Was tatsächlich erreicht wäre, beschränkte sich
darauf, daß man dann mit fast absoluter Gültigkeit behaupten könnte,
die Dinge lägen so, als ob sich die Vorgänge im Geiste jenes bio
genetischen Grundgedankens abgespielt hätten. Das würde mit an
deren Worten sagen, daß jener Gedanke die höchste Stufe der
Gültigkeit als ein Prinzip des zeithaften Ordnens er
reicht hätte.
Daran hängt ja das richtige Verständnis dieser Erkenntnisart, daß
man einen solchen Gedanken nicht als etwas ansieht, das sich er
härten ließe in seiner Wahrheit; sondern stets nur als etwas, das
sich immer besser bewährt, in seiner Eigenschaft als regulatives
Prinzip der Erkenntnis. Je mehr dies zutrifft, desto mehr würde
das metahistorische System, wie es im Geiste dieses Gedankens kon
struiert ist, in sich harmonischer werden, an innerer Wahrheit
gewinnen. In jenem geschilderten Falle hätte es die höchste
Stufe erreicht; die räumlichen Dinge in solcher Wejge zeithaft zu
ordnen, das würden wir dann nicht mehr als plausibel empfinden,
sondern geradeaus als eine Denknotwendigkeit, als etwas Unaus-
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