430
,Die Grenzen der Geschichte“,
pflegte: der vernünftige Gebrauch des Werkzeuges. Nun ist zu
zugeben, daß mit diesem Geschehen die Historie im engeren Sinne
des Wortes nichts anzufangen wüßte. Eher noch ihre Schwester im
Geiste, die Nationalökonomie. Der Nationalökonom, der den
Zusammenhängen des alltäglichen Geschehens nachgeht, kann ja bis
zu einem gewissen Grade das bekannte Buffonsche Wort variieren und
ohne arge Übertreibung sagen: Weiset mir ein gebräuchliches Werk
zeug vor, und ich entwerfe euch darnach ein Bild von dem ganzen
Tun und Treiben der Leute, die sich seiner zu bedienen pflegten!
Für den Historiker aber wäre der praktische Belang dieser
Tatsachen gleich Null. Ihm kann das erschlossene Geschehen kein
Interesse abnötigen, weil aller Wahrscheinlichkeit nach jeder Anhalt
fehlt, um dieses Geschehen als ein konkretes und individuelles zugleich
dem Geschehenszusammenhang der Geschichte einzuflechten. Deshalb
gebricht es dem Historiker auch an der Möglichkeit, dieses Geschehen
irgendwie einzudatieren. Trotzdem braucht er sich nicht der
naheliegenden Einsicht zu verschließen, daß uns da ein sehr altes
Geschehen vorliegt: ein Geschehen, das dem Historiker bis zur
Interesselosigkeit alt erscheint, da es bereits jenseits aller
Grenzen der Möglichkeit einer Geschichtsschreibung liegt. Ob der
Nationalökonom in bezug auf Eindatierung glücklicher ist, ob er sich
auf seinen eigenen Wegen nicht doch eine Vorstellung vom Alter
dieses Geschehens zu machen wüßte, soll hier unerörtert bleiben. Es
wäre sonst eine Auseinandersetzung mit der „historischen Anthropo
logie“ nötig, die gerade an solchen Stellen, ihren naturwissen
schaftlichen Charakter verkennend, der National
ökonomie ins Handwerk pfuscht! Denn es ist kein Zweifel,
daß auch diese überlieferungslose „Urzeit“, bei der es jedoch ein
Geschehen vom Boden der Denkgesetze aus zu erschließen gilt,
in die Kompetenz der Nationalökonomie gehört; sofern
man diese richtig auffaßt, als Erfahrungswissenschaft vom Alltagsleben
aller Zeiten, als jene Disziplin, mit der sich eine zweite Möglichkeit
historischer Erkenntnis verwirklicht — sobald nämlich der Geschehens
zusammenhang der Geschichte nicht nach den roten Fäden seines
Verlaufes, nicht als ein Geflecht von „Ereignissen“ aufgerollt wird,
sondern im Walten der kürzenden Denkformen „Zustand“ und „Ent
wicklung“.
Soviel steht fest, daß für die Nationalökonomie und für die
Historie im engeren Sinne, für alle historische Erkenntnis also, die
metahistorischen Ermittlungen völlig irrelevant bleiben, trotzdem
sie an die gleiche Tatsachengruppe anknüpfen: Irrelevant die Zeit-