Full text : Wirtschaft als Leben

Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

So  7

des  Stellungnehmenden  —  irgendwie  dadurch  gelöst  oder  sozusagen
annulliert  würde,  daß  wir  jeden  einzelnen  Vorwurf  geographischen
Denkens  ganz  systematisch  erst  „orographisch“,  dann  „hydrographisch“
usw.  durchgingen.  Denn  in  der  Tat,  mit  der  Idiographie  als  solcher
hat  diese  einseitige  Betrachtungsweise  gar  nichts  zu  schaffen.  Sie  versteht ­
  sich,  wie  gesagt,  für  alles  wissenschaftliche  Denken  ganz  von
selbst.  Das  Verwickelte  des  Wirklichen  läßt  sich  anders  nicht  bewältigen ­
  als  durch  ein  denkendes  Zerlegen  in  viele  Einfache.  Es  ist
klar,  daß  man  durch  die  Handhabung  jener  einseitigen  Gesichtspunkte
den  Vorteil  erzielt,  je  den  Anschluß  zu  finden  an  eine  bestimmte
nomothetische  Erkenntnisweise.  So  macht  sich  unser  geographisches ­
  Denken  etwa  im  Wege  des  „agronomischen“  Gesichtspunktes
die  ganze  „Kulturbiologie“,  insbesondere  die  Lehre  vom  Pflanzenbau,
mittelbar  also  die  ganze  Biologie  dienstbar;  und  zwar  für  den  Zweck
einer  kausalen  Interpretation  des  geographisch  Zusammengefaßten. ­
  Aber  diese  geographischen  Zusammenfassungen  selber,  in
letzter  Linie  also  die  geographischen  Individuen,  die  haben
mit  diesen  Gesichtspunkten  nichts  zu  tun.  Sie  bleiben  nach  wie  vor
das,  was  in  jener  problematischen  Weise  über  die  einseitig  determinative ­
  Würdigung  hinausliegt.  Und  gerade,  weil  dies  für  alle  Idiographie ­
  im  wesentlichsten  Sinne  gilt,  ist  auch  dem  geographischen
Denken  alle  einseitige,  „orographische“  usw.  Betrachtung  bloß  Mittel
zum  Zweck;  nicht  minder  die  hieraus  resultierende  einseitige  Reihenbildung. ­
  Endzweck  ist  die  Synthese  dieser  Reihen.  Jene
Gesichtspunkte  besagen  dann  nur,  daß  von  verschiedenen  Seiten  her,
„orographisch“,  „hydrographisch“  usf.  begonnen  wird,  eine  terminale
Reihe  herauszuarbeiten.  Wenn  aber  nicht  alles  täuscht,  so  steht
diese  Ansicht  in  erfreulichem  Einklang  mit  jener  wissenschaftlichen
Auffassung  der  Geographie,  wie  sie  neuerdings  Hettner  in  seinen
Arbeiten  verficht:  wonach  die  Geographie  am  letzten  Ende  die  Erde
zu  „Ländern“  und  „Landschaften“  zu  zergliedern  sucht.
Dieser,  aller  Idiographie  eigene  Drang  nach  der  Synthese
—  diesen  Ausdruck  natürlich  im  landläufigen,  nicht  erkenntnistheoretischen ­
  Sinn  gemeint  —  prägt  sich  schon  in  der  Individuation
aus,  von  der  zu  sagen  war,  daß  sie  überallhin  Synthesen  anstrebt.
Alle  Idiographie  trachtet  eben  nach  der  Ungeteiltheit
des  Wirklichen  zurück  und  sucht  mit  der  Synthese
darzubieten,  was  sie  der  Anschauung  schuldig  bleibt.
Hier  erhellt  aber,  daß  bereits  die  Formung  des  idiographischen  Begriffs, ­
  mithin  die  Erfassung  dessen,  was  dann  erst  zum  Individuum
ausgestaltet  wird,  das  Problem  einer  Synthese  in  sich  birgt.  Denn
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.