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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung 1
in Gegenstände unseres Denkens und damit in Begriffliches umsetzen
läßt. Der bestimmte „Stoff“ kennzeichnet mithin eine Denkweise
von grundsätzlicher Bestimmtheit. So wird sich tatsächlich im Verlaufe
dieser Untersuchung an die Seite des Gegensatzes „nomothetisch—
idiographisch“ der nicht minder grundsätzliche Unterschied zwischen
dem „phänomenologischen“ und dem „noetischen“ Denken
stellen.
Drückt sich im „Stoffe“ zunächst eine grundsätzlich bestimmte
Denkweise aus, so kennzeichnet der bestimmte „Stoff“ doch auch eine
bestimmte Wissenschaft. Denn eine Einheit dieser Art, eine
Wissenschaft, gestaltet sich gewiß nur so heraus, daß alle ihre Teile
von der grundsätzlich gleichen Denkweise getragen sind. Nur
hat natürlich nicht jede Wissenschaft ihren „Stoff“ für sich allein. So
teilt gleich die Sozialwissenschaft ihren „Stoff“ mit
der Geschichte; bloß die Behandlung des gemeinsamen
„Stoffes“ ist da und dort eine verschiedene — wie es der letzte
Artikel dieser Serie dartun wird.
Diese Gleichheit des „Stoffes“, die für Sozial- und Geschichts
wissenschaft gilt, spiegelt sich übrigens in einem Tatbestand, der ganz
offen zutage liegt. Fragen wir einfach, wovon diese Wissenschaften
ausschließlich handeln? Immer nur von Tat und Schicksal der
Menschen, und was in Beziehung dazu gebracht wird. Handeln
und Leiden, darum dreht sich hier alles. Was nicht selber ein
Handeln oder Leiden ist, kommt nur soweit für diese Wissenschaften
in Betracht, als es zu Handeln und Leiden in Relation gesetzt
werden kann. Nehmen wir als Beispiel das Eisen: nicht als der
stoffliche Träger bestimmter Eigenschaften, der sich chemisch und
physikalisch so und so verhält, mineralogisch da und dort vorkommt,
fällt das Eisen für die Sozial Wissenschaft in Betracht; sondern als der
da und dort „abbaubare“ Rohstoff gewisser Produktionen, von
bestimmter Stellung innerhalb des Verkehrs und von bestimmtem
Belange für das ganze Tun und Treiben der Menschheit.
Jener Tatbestand ist viel zu schlicht und handgreiflich, als daß er
nicht darin verkannt würde, von welcher hohen grundsätzlichen
Bedeutung er ist. Man faßt ihn kurzerhand so auf, daß hier eine
Gesamtheit artgleicher Dinge ausgesondert und für sich besonders in
Erwägung gezogen wird. Danach wäre das Handeln und Leiden, wie
es unsere Wissenschaften ins Auge fassen, ein bloßer „Ausschnitt aus
dem Weltgeschehen“, so etwas wie ein „Viertes Reich“.
Diese Auffassung ist geradezu die herrschende. Im Grunde ge
nommen wird von ihr selbst jene Scheidung zwischen „Natur“- und