Der Stoff der Sozialwissenschaft, Vorbemerkungen.
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bestimmung selber, die über das „Gebiet“ entscheidet, ist in aller
Regel empirisch vorweggenommen, indem sich ein Name
der VVissenschalt eingebürgert hat. Dieser eingebürgerte Name ver
bürgt uns die Einheit der Wissenschaft und drückt den Charakter der
Wissenschaft aus, ehe die letztere in der Lage ist, theoretisch über sich
selber ins klare zu kommen. So erscheint der Ausdruck, der diesen
Namen erst zu einem bezeichnenden macht, als Schlüsselwort für
das empirische Verständnis der Wissenschaft: „Sozialwissenschaft“ ist
uns als „Wissenschaft vom Sozialen“ empirisch verständlich. Ihr
„Gebiet“ umfaßt danach alle Gegenstände, die sich einzeln als „Soziales“
bezeichnen lassen. Der Eingriff der Theorie beginnt nun damit, daß
sie das Schlüsselwort umschreibt: das „Soziale“ etwa als die „Er
scheinungen des menschlichen Gemeinschaftslebens“. Will nun die
Theorie, wie es gewohnheitsmäßig geschieht, von diesem Einsatz beim
Schlüsselworte aus tiefer greifen, indem sie das Schlüsselwort selber
nicht bloß sprachlich zu umschreiben, sondern auch sachlich zu er
läutern sucht, dann steht ihr zunächst nur ein Vergleich aller jener
Gegenstände offen, die durch das Schlüsselwort der Wissenschaft schon
empirisch zusammengefaßt erscheinen. Die empirische Zusammen
fassung soll auf diesem Wege einer theoretischen Platz machen.
Offenkundig unterläuft hier nun der Zirkel, daß man den Aufschluß
über den Umfang nur auf der Grundlage des Umfanges erzielt.
Dieser Zirkel ist lösbar, aber doch nur so, daß man für das theoretisch
zu bestimmende „Gebiet“ an letzter Stelle das empirisch gegebene
„Gebiet“ haftbar machen muß. Die Frage, was in die Wissenschaft
theoretisch hineingehört, wird also auf Grund dessen entschieden, was
in der Wissenschaft empirisch enthalten ist; denn nur ein Vergleich
der Gegenstände des empirischen Inhaltes liefert jene Artbestimmung,
die das Schlüsselwort sachlich erläutert, so daß sich unter Bezug darauf
das „Gebiet“ theoretisch scharf umgrenzt. Charakterisiert man also
eine Wissenschaft an der Hand ihres „Gebietes“, indem man ihr
Schlüsselwort sachlich erläutert, so ist diese Bestimmung in dem üblen
Sinne eine empirische, daß man bei ihr von der überkommenen
Zusammenfassung unter einem eingebürgerten Namen abhängig bleibt.
Auf diesem Wege läßt sich die Eigenart einer Wissenschaft niemals
voll erfassen; es verbleibt ein unaufgelöster Rest: im Hinblick
auf die ungreifbaren Vorgänge, die sich hinter dem Schleier jener
empirischen Zusammenfassung verbergen, von der man notwendig als
von etwas Gegebenem ausgehen mußte.
Die Vorstellung wieder, wie sich die Eigenart einer Wissenschaft
in ihrem „Gegenstände“ ausdrückt, ist von Haus aus keine klare.