„Ja, wie ein Roman sind wissenschaftliche Bücher freilich nicht zu lesen,"
erwiderte ich. „Etwas anstrengen muß man sich besonders im Anfang
immer. Aber nachdem wir jetzt alle diele Dinge so ausführlich durchgesprochen
haben und ihr unsere Gespräche auch iwch in der „Arbeiter-Jugend" nach
lesen könnt, wird euch Kautskys Buch, glaube ich, keine Schwierigkeiten
machen, wenn ihr es aufmerksam lest. Vielleicht tut ihr das am besten
zusammen, so daß ihr miteinander diskutieren könnt. Ich würde euch aber
raten, dann auch gleich die Schrift von Robert Danneberg zu lesen
„Das sozialdemokratische Programm"^), denn sie bietet eine sehr gute
Ergänzung zu Kautskys Buch, und beide zusammen sind viel leichter ver
ständlich als jedes für sich. Dann könnt ihr aber auch gleich eine kleine Schrift
von Marx lesen, die nicht schwer zu verstehen ist, denn sie gibt einen Vortrag
wieder, den Marx selbst vor Arbeitern gehalten hat: sie heißt „Lohnarbeit
und Kapital"^).
„Könnten wir da nicht gleich das „Kommunistische Manifest" lesen?"
unterbrach mich Karl, offenbar stolz darauf, daß er es kannte. „Das ist doch
auch nur eine kleine Broschüre von Marx und Engels."
„Freilich ist es eine kleine Broschüre," erwiderte ich, „aber sie enthält
doch schon die wesentlichsten Gedanken, die Marx und Engels später in dicken
Bänden ausgeführt haben. Gerade deshalb ist das „Manifest" gar nicht so
leicht zu verstehen, aber es ist, wenn man einmal zum Verständnis gekommen
ist, ein um so höherer Genuß. Da enthält jeder Satz einen großen Gedanken.
Darum ist es notwendig, daß man sich für diese konzentrierte Nahrung vorher
noch etwas besser vorbereitet. Ich würde euch daher empfehlen, zunächst das
Buch „Die Gesellschaftsklassen in Deutschland" von Paul Kampffmeyer^)
zu lesen, dann aber auch Bebels berühmtes Werk „Die Frau und der
Sozialismus"^.
„Ja, was hat denn das da zu tun?" fragte Wilhelm ganz erstaunt.
„Auf einmal kommst du mit einem Buch über die Frauen. Was haben denn
die mit dem „Kommunistischen Manifest" zu schaffen?"
„Das Manifest," entgegenete ich, „gibt in ganz knappen Aügen ein
Bild von der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft vom Mittelalter zur
neuesten Zeit, zum Kapitalismus, und zeigt, wie die Wirtschaft über den
Kapitalismus hinausdrängt zum Sozialismus. Das Buch von Kampfmeyer
legt die wirtschaftliche Entwicklung für Deutschland etwas ausführlicher dar.
Bebels „Frau" aber schildert eigentlich den Verlauf der ganzen menschlichen
Entwicklung in sehr lebendiger und eindringlicher Darstellung. Wenn ihr
das gelesen habt, dann könnt ihr an die Lektüre des „Kommunistischen
Manifestst gehen. Den Abschnitt III „Sozialistische und kommunistische
Literatur laßt ihr aber besser vorläufig weg. Um den zu verstehen, muß man
die Geschichte des Sozialismus kennen. Vielleicht unterhalten wir uns später
einmal über diese; vorläufig würde ich euch jedoch raten, diesen Abschnitt
2 ) Wien 1920, Jg. Brand u. Co. Preis 5 Kr.
3 ) Berlin, Vorwärts. Preis 25 Pf
4 ) Berlin, Vorwärts. Preis Mk. 2'50.
5 ) Stuttgart, I. H. W. Dietz Nachf. Preis geb. Mk. 2-50
6) Berlin, Vorwärts. Preis 20 Pf.