526
,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
Von diesen Aussagen redet nur A die Sprache des
gewöhnlichen Lebens. Es hat ferner den Anschein, daß nur B
und C die Wirklichkeit sozusagen unter sich aufteilen: B gibt den
„sinnlichen“, C den „seelischen“ Vorgang wieder. Dagegen
gewinnt man in dieser Hinsicht von A einen ganz verschiedenen Ein
druck, je nachdem man es mit B oder mit C vergleicht. So scheint
A irgendwie die unbestimmte Mitte zwischen B und C zu halten.
Danach würde es der Aussage A an jener klaren Einseitigkeit fehlen,
die aller wissenschaftlichen Betrachtung eigen ist. Weil aber A zu
gleich die nächstliegende Aussage ist, jene gleichsam, die nach der
„Regel des Lebens“ vollzogen wird, so könnte man A geradezu als
den Typus einer unwissenschaftlichen Aussage ansehen wollen.
Diesem Eindruck zum Trotz sei nun Schritt für Schritt nachgewiesen,
daß die Aussage A durchaus selbständig und ebenbürtig neben
B und C steht, als der Typus einer, von jener Denkweise
getragenen Aussage, die zugleich die sozial wissen
schaftliche ist. Dadurch soll uns die Vergleichung der drei Aus
sagen auf einen tiefen Gegensatz im Denken und Erkennen führen,
dem man bisher so wenig Rechnung trug, daß darüber das richtige
Verständnis unserer Wissenschaft zu Schaden gekommen ist.
A wäre als Aussage angeblich darum nicht selbständig, weil sich
im Inhalt von A der Inhalt von B und C in einer eigentümlichen
Weise mischt. Man hält dafür, daß A einen Vorgang wiedergibt, bei
dem einem „seelischen Innen“ ein „sinnliches Außen“ entspricht; auf
das letztere bezöge sich B, auf das erstere C. Diese beiden Aussagen,
mit noch anderen ihres Typus zusammen, würden also den Inhalt der
Aussage A restlos aufheben. Da nun B ein „physisches“, C ein
„psychisches“ Geschehen zur Aussage bringt, so würde die Aussage A
folgerichtig ein „psychophysisches“ Geschehen wiedergeben. Diese
Auffassung ist so ziemlich die herrschende. Ihr unterliegt die axioma-
tische Annahme, daß sich der Schnitt zwischen dem „Sinnlichen“ und
dem „Seelischen“ durch die ganze Erfahrungswelt zieht, so daß also
das „Sinnliche“ und „Seelische“ zusammengenommen bereits das
Ganze des überhaupt Erfahrbaren ausmachen würden, ohne daß für
etwas Drittes im Reiche der Erfahrung Platz wäre.
In Wahrheit hat die Aussage A ebensogut ihren Inhalt ganz für
sich, wie B und C den ihrigen. Wer A aussagt, hat durchaus kein
mixtum compositum aus B und C im Sinne. Er will vielmehr zum
Ausdruck bringen, daß jemand, der vorgreifend der „Leser“ genannt
wird, durch den Blick von dem Kenntnis erhält, was im
Wege vereinbarter Zeichen zur Mitteilung gelangt.