Full text : Wirtschaft als Leben

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p Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

gestellt  sind.  Ob  nicht  vielleicht  das  Kind  den  Ausdruck  „lesen“  zuerst ­
  nur  so  verwendet,  beweist  hier  nichts;  dem  Kinde  wäre  dann  einfach ­
  der  wahre  Sinn  dieses  Ausdruckes  noch  nicht  aufgegangen.  Es
hätte  den  entscheidenden  Gedanken  noch  nicht  erfaßt,  daß  „lesen“
eine  besondere  Art  besagen  will,  wie  man  von  Mitgeteiltem  Kenntnis ­
  erhält.
Um  A  auszusagen,  ist  es  andererseits  nicht  nötig,  daß  der
Beobachter  selber  lesen  kann.  Es  genügt,  wenn  er  sich  im  Wege  anschaulicher ­
  Vorstellung  in  die  Lage  dessen  zu  versetzen  weiß,  der  in
dieser  besonderen  Weise  von  etwas  Mitgeteiltem  Kenntnis  erhält.
Bloß  darüber  muß  er  vorher  durch  sein  eigenes  Erleben  belehrt  sein,
was  es  überhaupt  heißt,  eine  Mitteilung  zu  erhalten.  Nur  in  diesem
abgeschwächten  Sinne  ist  es  richtig,  daß  wir  Aussagen  vom  Typus  A
bloß  nach  der  Analogie  zum  eigenen  Erleben  zu  vollziehen  wüßten.
Damit  ist  aber  noch  keineswegs  gesagt,  daß  dieses  Mitspielen  einer
Analogie  den  logischen  Wert  eines  Analogieschlusses  haben
müsse,  und  gar  eines  solchen,  für  welchen  in  unserem  Falle  die  Aussage ­
  B,  das  „Gesehene“,  den  notwendigen  Untersatz  beizustellen  hätte!
Will  uns  dies  jene  oft  wiederholte  Behauptung  einreden,  so  verrät
sie  damit  nur,  daß  sich  die  landläufige  Meinung  unser  Beobachten  als
ein  ausschließlich  sinnliches  Beobachten  denkt,  im  Geiste  eines
Registrierens  von  Sinnesdaten.  Danach  wäre  das  Primäre  an
Erfahrung  stets  hinter  den  Aussagen  vom  Typus  B  zu  suchen,  im  Sinne
des  „Gesehenen“,  „Gehörten“,  Getasteten“  usw.  Aussagen  vom
Typus  A  jedoch  würden  überhaupt  nur  so  möglich  sein,  daß  man  diese
registrierten  Sinnesdaten  nachträglich  zu  „deuten“  sucht.  Hier  besonders ­
  erliegt  die  landläufige  Meinung  der  Wucht
jener  Vorurteile,  die  uns  die  Schulung  zu  naturwissenschaftlichem ­
  Denken  eingeimpft  hat.
Zur  raschen  Orientierung  über  den  ganzen  Sachverhalt  sei  an  ein
bekanntes  Histörchen  erinnert.  Es  wird  erzählt,  daß  Indianer,  denen  ein
Missionar  aus  der  Bibel  vorlas,  das  Buch  an  ihr  Ohr  legten,  in  der
Hoffnung,  damit  das  Rätsel  zu  lösen,  das  dieser  unbekannte  Vorgang ­
  ihnen  aufgab.  Die  Indianer  fanden  also  von  dem  aus,  was  sie
erlebten,  keinen  Weg  zur  Feststellung,  daß  sich  die  Augen  des
Missionars  in  spezifischer  Weise  bewegen.  Gab  nicht  dennoch  das
„Gesehene“  bei  der  Beobachtung  den  Ton  an,  indem  die  Indianer  zu
sehen  glaubten,  daß  der  Missionar  das  Ding  in  seiner  Hand  „behorche“  ?
Dieses  „Horchen-sehen“  war  dann  erstens  eine  hypothetische  Feststellung, ­
  denn  die  Beobachter  selbst  waren  sofort  auf  eine  Verifikation
bedacht.  Auch  ist  es  nach  der  ganzen  Sachlage  klar,  daß  gerade  diese
            
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