Der Stoff der Sozialwissenschaft, II.
545
Da wir andererseits doch nur bei den fertigen Formungen,
bei den Aussagen, mit der Diskussion einsetzen können, so sind
wir an die Frage verwiesen, welche anschaulichen Elemente
das begriffliche Denken der Aussagen von verschiedenem Typus in
sich schließt. Diese anschaulichen Elemente gehören zweifellos schon
zum Inhalte des Stoffes, aus welchem die Aussagen geformt sind.
Etwas über das Erleben selber auszusagen, das gleichsam noch zwei
Schritte vom begrifflichen Denken absteht, erscheint bloß in formaler
Hinsicht möglich; daher die bloß formale Charakteristik des Erlebten,
nach Anschaulichkeit, Mannigfaltigkeit und Zusammenhang. er
Stoff dagegen läßt bereits über seinen Inhalt etwas aussagen im
Wege jenes Rückschlusses von den Formungen auf das
zu ihnen Geformte. Gerade dabei wird man stets zwischen der
Eigenart des Denkens einerseits und der Eigenart des ihm Gegebenen
andererseits den Einklang zu wahren haben. , . ,
Über die anschaulichen Elemente in jenem Denken das in den
Aussagen B und C rege ist, kann ein Zweifel so wenig herrschen, als
eben deshalb dieses Denken das „phänomenologische genannt wurde.
Element ist hier jenes Anschauliche, das dem Begriffe der
scheinung unterstellt wird. Es handelt sich um den anschaulichen
Inhalt des „Gesehenen“, „Gehörten“, „Getasteten“ usw., auf den wir
im formallogischen Sinne auch durch Analyse stoßen, indem wir in
der Definition eines phänomenologisch erfaßten Gegenstandes bis ans
Ende gehen, zum nicht weiter Definierbaren. So laßt sich z. B. „rot
wohl noch dem Begriffe der Farbe unterstellen, im übrigen aber steht
hier ein Letztes vor uns; die weitere Erläuterung muß hier das be
griffliche Denken der Anschauung abtreten. Daran ändert
sich auch mit der naturwissenschaftlichen Betrachtung nichts wenn
man „rot“ durch Schwingungszahlen usw. scheinbar zu
vermag; denn nicht eine Defit^onwhd theoretisch
stitution geht hier vor sich: für das Anschaulich wiro
Begriffliches unterschoben, zu dem Zwecke, das phänomenologisch Er
fahrbare in der einfachsten Weise denkend zu ewa ige T^„ n u Ptl9
Diese anschaulichen Elemente des phänomenolog'schen Denkens
die Erscheinungen, nehmen unbedingt auf die Mannigfaltigkeit
des Erlebten Bezug. Es wäre aber durchaus urig hier nach dem
Prozesse eines „Zerfalles“ dieser Mannigfaltigkeit in die Erscheinungen
zu fragen. Diese Mannigfaltigkeit ist überhaupt nur als formale
Charakteristik des Erlebten gemeint: es mangelt ihr absolut an jener
gegenständlichen Natur, um in etwas anderes zu „zerfa en So au
sich das Erleben selber schon, in seiner unberührten Anschaulichkeit,
_ 35
v. Gottl-Ottlilienf eld, Wirtschaft als Leben.