Full text : Wirtschaft als Leben

Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

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Freilich  „entgehen“  uns  die  Erscheinungen,  sobald  wir  noetisch
denken;  aber  nicht  anders,  als  dem  wieder  die  Erlebungen  „entgangen“
sind,  der  phänomenologisch  denkt.  Aus  diesen  Sackgassen  kommt
unser  Denken  über  die  Wirklichkeit  nun  einmal  nicht  heraus.  Die
ganze  Wirklichkeit  ist  einzig  und  allein  dann  in  unserem  Bewußtsein,
wenn  wir  uns  „selbstvergessen“  dem  Erleben  hingeben,  bar  aller  Absicht, ­
  darüber  zu  denken;  was  natürlich  ein  Denken  als  Erlebnis
ebensowenig  ausschließt,  wie  etwa  Forschung  und  Methodologie  unzertrennlich ­
  wären.
Wie  sehr  eine  Erlebung  eine  Sache  ganz  für  sich  ist,  gegenüber
jenen  sinnlichen  und  seelischen  Erscheinungen,  als  welche  sich  das
nämliche  Erlebnis  dem  phänomenologischen  Denken  darstellen
würde,  läßt  sich  folgendermaßen  verdeutlichen.  Das  „blicken  ,  wie  es
aus  der  noetischen  Formung  „lesen“  als  eines  ihrer  anschaulichen
Elemente  herauszuschälen  möglich  war,  bezieht  sich  weder  darauf,  was
man  an  einem  anderen,  der  „blickt“,  sinnlich  beobachten  kann,  noch
darauf,  was  man  seelisch  an  sich  selber  beobachten  kann,  sobald  man
selber  „blickt“.  Aber  dann  zum  mindesten  doch  auf  beides  zugleich?
Nun,  es  ist  wohl  des  noetischen  Denkens  Art,  daß  bei  der  Aussprache
des  Wortes  „blicken“  sowohl  das  an  mir,  wie  auch  das  an  anderen
Beobachtete  in  anschaulicher  Vorstellung  mitschwingt.  Das  „blicken“
selber  jedoch,  als  anschauliches  Element,  als  Erlebung,  ist  auch  nicht
die  Zusammenfassung  des  einen  und  des  anderen,  sondern  das  spezifische ­
  Dritte:  die  Subjektbejahung.  Das  ist  keinerlei
Seiendes,  sondern  ein  Geltendes:  nichts  also,  was  „vorgefunden“  wird,
weder  an  mir,  noch  am  anderen;  sondern  etwas,  das  ich  bei  dem
anderen  so  „anerkenne“,  wie  sich  mein  eigenes  Ich  gleichsam  darin
auslebt.  Nur  daß  ich  auf  seine  anschauliche  Geltung  für  mich  selber
erst  dadurch  verfalle,  daß  ich  sie  bei  anderen  „anerkenne“:  hierher,
in  der  Tat,  die  alte’  psychogenetische  Wahrheit  von  der  „sozialen“
Bedingtheit  unseres  begrifflichen  Denkens  —  soweit  es  als  ein  noetisches
aufwächst;  und  dafür  legt  unsere  ganze  Sprache  Zeugnis  ab.
Mit  dem  Hinweis  auf  die  Erscheinungen  kann  also  der  Zweifel  an
der  anschaulichen  Einfachheit  der  Erlebung  nicht  begründet  werden.
Allein,  ist  unser  „blicken“  nicht  erst  noch  einer  noetischen  Deutung
zugänglich,  so  zwar,  daß  es  noch  nicht  selber  das  noetisch  Elementare
wä re?  Denn  mag  auch  „blicken“  nur  mehr  eine  anschauliche  Variation
des  „Kenntnisnehmens“  ”sein,  so  läßt  doch  das  letztere  noch  eine
uoetische  Deutung  zu:  „gewollter  Übergang  vom  Nichtwissen  zum
Wissen“!  Übertragen  wir  dies  jedoch  von  dem  „Kenntnisnehmen“
auf  das  „blicken“,  so  ergibt  sich  aus  der  unausweichlichen  Wendung:
            
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