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„Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
noetischen Aussagen von Haus aus auf ein Psychisches oder doch
Psychophysisches, wodurch natürlich ihre Eigenart vollständig negiert
bleibt. Nun ist zwar, für sich betrachtet, ein „blicken“ oder „Schlag
erhalten“ genau so unräumlich wie etwa eine „Wahrnehmung“,
eine „Wollung“. Die Verwandtschaft mit den seelischen Erschei
nungen ist aber doch nur eine scheinbare: es besteht ein gewaltiger
Unterschied, wie sich das Unräumliche der seelischen Erschei
nungen auf der einen Seite, das Unräumliche der Erlebungen
auf der anderen Seite mit einer „Lokalisierung“ der bezüglichen
Formungen im Rahmen der Körperwelt verträgt.
Außer Betracht bleibt jene „phrenologische“ Lokalisierung des
Seelischen, die sich schon durch ihre generelle Natur als eine theo
retische Leistung verrät: und tatsächlich sucht hier die theoretische
Betrachtung die Daten aus verschiedenen Gebieten miteinander in
Einklang zu bringen. Es handelt sich nur um jene Verknüpfung des
konkret Seelischen mit unserem Körper, die jeglichem Denken,
auch dem naiven, unausweichlich erscheint. Ganz anders ist
nun die Lokalisierung des Noetischen, soweit auch sie wieder jedem
Denken unausweichlich ist, also keinesfalls nur den Wert einer An
sicht hat, die an bestimmte Theorien vom „Parallelismus“ und der
gleichen gebunden wäre. Da nämlich das Formen des noetischen
Stoffes, wie es bald erörtert wird, Subjekt und Objekt erfassen läßt,
diesen noetischen Formungen aber wieder phänomenologische For
mungen konkurrieren, so daß z. B. der „Leser“ zugleich ein Exem
plar des „homo sapiens“, die „Zeilen“ zugleich eine Anordnung von
Buchstabenbildern sind, und da beide als Körperdinge ihren „Ort“,
also ihre Eigenlage im Raume besitzen, so tritt in einem weiten
Ausmaß die Möglichkeit ein, auch die Erlebungen selber, oder doch
ihre primären Formungen: „Akte“ u. dgl., für räumlich fixiert
zu halten. Diese Möglichkeit steigert sich unserem Denken sofort
zum Zwang. Der an sich unräumliche „Blick“ unseres Beispieles
„lokalisiert“ sich in einer, unserem Denken ganz unausweichlichen
Art zugleich am „Leser“ und am „Gelesenen“, gleichsam also
„zwischen“ ihnen.
Für die Totalität dessen, was wir durch noetisches Denken
für wirklich halten und das eine „Welt der Erlebungen“ auf
baut, die uns allen gemeinsam ist, da alle noetischen Aus
sagen verifizierbar sind, für diese Totalität besteht also eine drei
fache Beziehungsmöglichkeit. Erstens jene der „Zeit“; mittelbar
aber auch jene des „Raumes“, und zwar vermittelt durch eine dritte
und spezifische Beziehungsmöglichkeit. Diese läßt sich dahin