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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“.
Formungen, lassen sich also alle Gegenstände des sozial- und
geschichtswissenschaftlichen Denkens zurückführen. Es sind diese
Formungen aber meist Kompositionen aus Subjekten, Objekten,
Akten und Erleidungen; von der wechselndsten und zum Teil von
höchst verwickelter Art. Auch für die Art der Komposition,
die von jenen erstmöglichen Formungen hinführt zu den, in der Sozial-
und Geschichtswissenschaft verwendeten Begriffen, sind Typen zu er
warten; auch das ergäbe dann allgemeinste Schemata der Be
griffsbildung, denen man „formende“, quasi-kategoriale Bedeutung
zusprechen darf. Wenn „Substanz“, „Relation“ usw. als Kategorien
der ersten Stufe gelten und die noetischen Kategorien dann
schon auf der zweiten Stufe stehen, so kämen hier die Kategorien
der dritten Stufe in Frage. Darunter vor allem jene Kategorien
des multipolaren Geschehens, die uns z. B. den Begriff des
„Lesers“ als nach der Kategorie des „Subjektverhältnisses“ geformt er
läutern, das „lesen“ selber als spezifisch gemeinten „Vorgang“. Neben
dem Begriffe „Leser“ wären dann z. B. die Begriffe „Freund“, „Genosse“,
„König“, „Käufer“ usw. der gleichen Kategorie unterstellt.
Zu diesen Kategorien des multipolaren Geschehens gehört auch
das Schema für jene umstrittensten Formungen des noetischen
Denkens, jene „sozialen Kollektivbegriffe“ gleich „Staat“,
„Familie“, „Unternehmung“, über deren Natur „Romanisten“ und
„Germanisten“, „Realisten“ und „Nominalisten“ streiten, die für ihren
eigenen Teil gedeutet wurden bald als „höhere Gegenstände“, bald als
„Zeitdinge“, bald gar als „Potenzen“. Uns sind diese verwickelten
Kategorien schon deshalb interessant, weil sich die Schlüsselworte
unserer Disziplinen — „Geschichte“, „Gesellschaft“, „Wirtschaft“ —
auf sie beziehen. Auch diese Formungen gehören, ihrer Theorie nach,
schon in den nächsten Zusammenhang; mit allem zugleich, was über
das multipolare Geschehen zu sagen ist, über diesen engeren Ge
halt der „geschichtlich-gesellschaftlichen“ Wirklichkeit. Hier sehen wir
also der sachlichen Entwicklung der Begriffe entgegen, für
welche zunächst nur rettende Worte einspringen, spricht man vom
„Geschichtlichen“ oder vom „Sozialen“.