Geschichte und Sozialwissenschaft.
577
abzuklären. Unter den Erfahrungswissenschaften selber ist es dagegen
die Geschichte, von der es nicht minder unmittelbar offenliegt,
daß sie auf noetischer Erfahrung beruht. Sozial- und Ge
schichtswissenschaft teilen sich somit in den gleichen
Stoff der Begriffsbildung. Will man also in der Antwort auf
die Frage, wie Sozialwissenschaft möglich ist, bis ans Ende gehen, so
bedarf es einer reinlichen Scheidung zwischen diesen
beiden Disziplinen der noetischen Erfahrung; erst dann,
sobald uns ihr Nebeneinander einleuchtet, wird uns jede einzelne von
ihnen in ihrer eigenen Existenz verständlich. So ersteht das Problem
der folgenden Untersuchung 1 Man sieht, es ist von Haus aus er
kenntnistheoretisch orientiert, da es in die Frage ausläuft, warum
und in welcher Art das Gebiet der noetischen Erfahrung in die zwei
Disziplinen zerfällt, in Geschichte und Sozialwissenschaft. Weil aber
die noetische Erfahrung gleichwertig ist einer spezifischen Art der
Begriffsbildung, so verspricht auch die Lösung des Problems, eben
jene Differenzierung der noetischen Erfahrung zu Geschichte und
Sozialwissenschaft, den tiefsten Einblick in das Wesen der sozial-
wissenschaftlichen Begriffsbildung.
Nun wäre das Problem noch als solches näher zu entwickeln.
Gleich dazu sei einiger Abwege seiner Lösung gedacht. Es ver
urteilt sich selber als „common sense - Lösung“ niederster Gattung,
teilt man der Geschichte die Vergangenheit dessen zu, von dem
die Sozialwissenschaft die Gegenwart behandelt Übrigens sprechen
wir, ziemlich in diesem Geiste, sofort von Sozial-„Geschichte“, von
Wirtschafts-„Geschichte“, sobald sich der Sozialforscher der Ver
gangenheit zuwendet 1 Diese Ausdrucksweise empfiehlt sich demnach
soweithin der Kritik, als ihr eben eine Auffassung zu unterliegen
scheint, die für ihren Teil nicht ernst zu nehmen ist. Nicht viel besser
wäre es um den Versuch bestellt, die beiden Disziplinen in der
Weise zu sondern, daß man nachsinnt, was „Geschichte“ und was
„Gesellschaft“ bedeute; oder auch, was man sich unter dem „Histo
rischen“ und dem „Sozialen“ vorzustellen habe. Das sind zunächst
doch nur Worte, die wir in vielerlei Sinn und aus vielerlei Anlässen
verwenden, und so auch dazu, den empirisch herausgefühlten Gegensatz
zweier Disziplinen auf ein bündiges Schlagwort zu bringen.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich diesen Worten gerade dann,
wenn man sie so verwendet, bestimmte Begriffe verknüpfen. Ob
dies zutrifft, und um welche Begriffe es sich handelt, läßt sich jeden
falls erst dann entscheiden, sobald wir einen sachlichen Einblick
in die Verhältnisse erlangen, die mit Hilfe jener Worte schlag
v. G ö ttl-O tt lil i e n f e 1 d, Wirtschaft als Leben.
37