Full text : Wirtschaft als Leben

Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

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abzuklären.  Unter  den  Erfahrungswissenschaften  selber  ist  es  dagegen
die  Geschichte,  von  der  es  nicht  minder  unmittelbar  offenliegt,
daß  sie  auf  noetischer  Erfahrung  beruht.  Sozial-  und  Geschichtswissenschaft ­
  teilen  sich  somit  in  den  gleichen
Stoff  der  Begriffsbildung.  Will  man  also  in  der  Antwort  auf
die  Frage,  wie  Sozialwissenschaft  möglich  ist,  bis  ans  Ende  gehen,  so
bedarf  es  einer  reinlichen  Scheidung  zwischen  diesen
beiden  Disziplinen  der  noetischen  Erfahrung;  erst  dann,
sobald  uns  ihr  Nebeneinander  einleuchtet,  wird  uns  jede  einzelne  von
ihnen  in  ihrer  eigenen  Existenz  verständlich.  So  ersteht  das  Problem
der  folgenden  Untersuchung  1  Man  sieht,  es  ist  von  Haus  aus  erkenntnistheoretisch ­
  orientiert,  da  es  in  die  Frage  ausläuft,  warum
und  in  welcher  Art  das  Gebiet  der  noetischen  Erfahrung  in  die  zwei
Disziplinen  zerfällt,  in  Geschichte  und  Sozialwissenschaft.  Weil  aber
die  noetische  Erfahrung  gleichwertig  ist  einer  spezifischen  Art  der
Begriffsbildung,  so  verspricht  auch  die  Lösung  des  Problems,  eben
jene  Differenzierung  der  noetischen  Erfahrung  zu  Geschichte  und
Sozialwissenschaft,  den  tiefsten  Einblick  in  das  Wesen  der  sozialwissenschaftlichen
  Begriffsbildung.
Nun  wäre  das  Problem  noch  als  solches  näher  zu  entwickeln.
Gleich  dazu  sei  einiger  Abwege  seiner  Lösung  gedacht.  Es  verurteilt ­
  sich  selber  als  „common  sense  -  Lösung“  niederster  Gattung,
teilt  man  der  Geschichte  die  Vergangenheit  dessen  zu,  von  dem
die  Sozialwissenschaft  die  Gegenwart  behandelt  Übrigens  sprechen
wir,  ziemlich  in  diesem  Geiste,  sofort  von  Sozial-„Geschichte“,  von
Wirtschafts-„Geschichte“,  sobald  sich  der  Sozialforscher  der  Vergangenheit ­
  zuwendet  1  Diese  Ausdrucksweise  empfiehlt  sich  demnach
soweithin  der  Kritik,  als  ihr  eben  eine  Auffassung  zu  unterliegen
scheint,  die  für  ihren  Teil  nicht  ernst  zu  nehmen  ist.  Nicht  viel  besser
wäre  es  um  den  Versuch  bestellt,  die  beiden  Disziplinen  in  der
Weise  zu  sondern,  daß  man  nachsinnt,  was  „Geschichte“  und  was
„Gesellschaft“  bedeute;  oder  auch,  was  man  sich  unter  dem  „Historischen“ ­
  und  dem  „Sozialen“  vorzustellen  habe.  Das  sind  zunächst
doch  nur  Worte,  die  wir  in  vielerlei  Sinn  und  aus  vielerlei  Anlässen
verwenden,  und  so  auch  dazu,  den  empirisch  herausgefühlten  Gegensatz
zweier  Disziplinen  auf  ein  bündiges  Schlagwort  zu  bringen.
Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  sich  diesen  Worten  gerade  dann,
wenn  man  sie  so  verwendet,  bestimmte  Begriffe  verknüpfen.  Ob
dies  zutrifft,  und  um  welche  Begriffe  es  sich  handelt,  läßt  sich  jedenfalls ­
  erst  dann  entscheiden,  sobald  wir  einen  sachlichen  Einblick
in  die  Verhältnisse  erlangen,  die  mit  Hilfe  jener  Worte  schlagv. ­

  G  ö  ttl-O  tt  lil  i  e  n  f  e  1  d,  Wirtschaft  als  Leben.

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