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.Freiheit vom Worte“,
als vollwertig nationalökonomische Forschung. Sie ist uns wahrhaft
zum Lehrgang geworden, Wirtschaft richtig zu sehen als einen Tat
bestand des Lebens, und richtig auch als Problem zu sehen. So tritt
uns vor allem aus den reifsten der wirtschaftsgeschichtlichen Leistungen
die fragliche Auffassung klar entgegen. Es ist überhaupt nur diesem
angeblichen „Historismus“ zu verdanken, wenn sich jene Auffassung
seither auch in einer steigenden Zahl der Arbeiten durchsetzt, die von
der Gegenwart des Wirtschaftslebens handeln. Und sie setzt sich, in
hellem Gegensatz zur durchschnittlichen Haltung der Theorie, sogar
bis in diese hinein durch; mindestens gilt dies für einzelne Gipfel
leistungen, so für Georg Friedrich Knapps „Staatliche Theorie
des Geldes“, für Alfred Webers „Industrielle Standortslehre“.
Offenbar klärt sich diese Auffassung so recht erst bei der vollen
Reife des fachlichen Denkens ab. Ihr erstes Aufkeimen jedoch reicht
weit in die Vergangenheit zurück. Im Grunde ist der Hang nach
dieser Auffassung ebenso alt wie der wissenschaftliche Sinn in der
Nationalökonomie. Ihre Keime ließen sich ohne Zweifel noch weit
vor den „Klassikern“ nachweisen. Unter diesen hätte Adam Smith,
wäre es auf den tieferen Gehalt seines grandiosen Werkes angekommen,
die Ausreife gewaltig fördern können. Aber leider vollzog sich die
weitere Entwicklung weniger im Lichte als im Schatten seiner Leistung.
Schale Wortgläubigkeit war sofort dahinterher; ein bloßes Fortspinnen
begann, und nicht etwa der vielen Ansätze zu reifster Theorie, nein,
ein kleinliches Fortspinnen ausgerechnet nur von dem, was sich dieser
Kenner des Lebens von richtigen Gemeinplätzen her und sozusagen
nur für den eigenen Gebrauch als Theorie zurechtlegte, mit der leichten
Hand dessen, der wirkungsvoll fürs Leben schreiben will, nicht aber
verantwortungsvoll für die Lehre. So hat man dieses urgewaltige
Buch, die unerhört erfolgreiche Streitschrift für die Neuwirtschaft von
damals, als ein Lehrbuch auszubuchstabieren sich nicht gescheut. In
der weiteren Folge davon ist unsere Wissenschaft mit dem Wasserkopf
der „klassischen“ Schule aufgewachsen. Auch schon David Ricardo
krittelte buchstabierend an Smith herum. Seinem überlegen scharfen
Geiste stand freilich mehr als „gemeine“ Erfahrung zu Gebote. Immer
hin, und das entschied für die Epigonen, schon er erhob das einseitige
Ausschlachten der gemeinen Erfahrung zum Forschungsprinzip der
nationalökonomischen Theorie. Ricardo verhalf einer Wissenschaft,
die tatsachenhungrig wie keine ist, bereits zu einem Zeitpunkt, als ihre
eigentliche Tatsachenbasis noch überaus schmal war, zu einer ganz
verfrühten Reife ihrer Theorie. Diese Reife ging natürlich nicht unter
die Oberfläche; aber für den Eindruck auf die Zeitgenossen genügte