Full text : Wirtschaft als Leben

6io

»Freiheit  vom  Worte“,

Ökonomie  gestalten  konnte,  gleich  als  gestempelte  Soziologie  auftretend.
Dies  verschuldet  zwar  den  Schein  unserer  angeblichen  „Rückständigkeit“
in  Soziologie;  letzten  Endes  bedeutet  es  doch  einen  Vorsprung.  Er
verriet  sich  ja  bisher  schon  in  der  werbenden  Kraft  der  deutschen
Nationalökonomie  geläuterter  Auffassung  —  in  bezug  auf  diese  ist  der
Ausdruck  „historische  Schule“  ein  durchaus  schiefer;  gibt  er  doch
den  bloßen  Weg,  den  die  Läuterung  notgedrungen  einschlagen  mußte,
für  die  Sache  aus.  Der  Gang,  den  es  bei  uns  nahm,  ist  aber  auch
verheißungsvoll  für  die  Zukunft.  An  der  orthodoxen  Theorie  der
Romanen  und  Angelsachsen  droht  alle  ihre  Soziologie  dauernd  abzuprallen: ­
  der  Versuch,  in  dieser  Form  die  Theorie  zu  läutern,  müßte
ja  als  ein  unzulässiger  Eingriff  von  außen  empfunden  werden.  Bei
uns  erledigt  sich  das  gleiche  zwanglos  als  eine  häusliche  Angelegenheit
der  Nationalökonomie;  sie  selber  rechnet  einfach  mit  der  rückständigen
Auffassung  ihrer  Theorie  ab.  Da  wird  nur  in  eigener  Sache  das
Schiefe  gerade  gebogen.
Bei  einem  bloßen  Hinweis  darauf,  wie  sich  in  der  Nationalökonomie,
ihrer  eigenen  Theorie  zum  Trotz,  jene  lebensvolle  Auffassung  durchgerungen ­
  hat,  kommt  das  Besondere  einzelner  Fälle  unmöglich  zu
seinem  Recht.  Geschweige,  daß  sich  auch  die  ganz  absonderliche
theoretische  Stellung  einzelner,  z.  B.  Albert  Eberhard  Schäffles,
zureichend  würdigen  ließe.  Er  hat  unstreitig  für  die  Theorie  nach  einer
tieferen  Grundauffassung  gerungen.  Es  ist  aber  klar,  eine  eingerottete
Grundauffassung  läßt  sich  nicht  so  eins  zwei  über  den  Haufen  rennen,
ohne  daß  Erkenntniskritik  eingreift.  Ihr  fällt  die  Aufgabe  zu,  den  herkömmlichen ­
  Gedankengang  überall  dort  aufzulockern,  wo  er  im  geheimen ­
  seine  falschen  Ruhepunkte  findet.
An  Erkenntniskritik  gebricht  es  auch  jenem  unvergleichlichen
Werke,  mit  dem  Gustav  v.  Schmoller  den  zünftigen  Theoretikern
jns  Handwerk  des  Lehrbuchs  gepfuscht  hat.  Darum  setzt  er  sich  mit
der  Theorie  ganz  wie  von  gleich  zu  gleich  auseinander.  Und  doch
offenbart  sich  an  diesem  Buche  wie  nie  zuvor  die  Kluft  zwischen  den
zwei  Grundauffassungen:  zwischen  der  rühmlich  erarbeiteten  und  jener
unrühmlich  ererbten,  die  heute  noch  im  breiten  Durchschnitt  ganz  so
festgehalten  wird  wie  einst,  als  sie  beim  naiven  Einsatz  der  Theorie
das  notwendige  Übel  war.  Freilich,  der  Verzicht  auf  Erkenntniskritik
ist  bei  einem  Buch  eher  verständlich,  hinter  dem  die  Summe  der
Forschung  in  Tatsachen  steht;  deren  Ergebnisse  wissen  für  sich  selber
zu  sprechen.  Nur  fehlt  es  bei  Schmoller  auch  an  der  letzten  theoretischen ­
  Zuspitzung.  Man  kann  unseren  Empirikern  ihre  Abneigung
gegen  Theorie  von  der  heute  noch  durchschnittlichen  Sorte  gewiß
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.