Full text: Wirtschaft als Leben

Nationalökonomische Erläuterung, III. 
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auch dies, in der verhängnisvollsten Weise. Von da ab lag unsere 
Theorie an der Kette ihrer „Grundbegriffe“, gefangen in der „klassi 
schen“ Auffassung. Weil sie ausschließlich aus der gemeinen Erfahrung 
schöpfte, war sie ein Gebiet ganz für sich geworden; sie blieb wie 
von einer chinesischen Mauer umzogen, jedoch in verkehrtem Sinn: 
im Innern eitel Kampf der wortverhetzten „Theorien“, während draußen, 
ganz ungestört davon, die Forschung in Tatsachen an der eigentlichen 
Erkenntnis arbeitet. Man gehe die Reihe der Wissenschaften hin und 
her durch, dieses Verhältnis findet sich kein zweites Mal. 
In der Folge konnte es nur im Widerspruch zur „klassischen“ 
Schule geschehen, daß die fragliche Auffassung aus ihren Keimen 
schlüpfte. Solange aber dieser schöpferische Widerspruch in einer 
Theorie stecken blieb, die abermals nur auf gemeiner Erfahrung be 
ruhte, wie etwa bei den „Romantikern“, war nicht viel erreicht; der 
vorzeitigen Reife war bloß eine verfrühte Opposition gemacht. Un 
gleich mehr hat Friedrich List ausgerichtet durch die Vehemenz, 
mit der er gleichsam das Wirtschaftsleben selber gegen dessen theo 
retische Verkennung zum Kampfe aufrief. Die entscheidende Wendung 
trat erst ein, als eine bewußt lebensvollere Auffassung der Wirtschaft 
als ein Programm aufgestellt wurde, dem in der Folge auch seine 
Erfüllung beschieden war durch das Aufblühen der Empirie in unserer 
Wissenschaft, durch eine methodische Pflege der Forschung in Tat 
sachen! Diese hatte ja nie ausgesetzt, der Faden war nie gerissen. 
Nun, in der Hochflut empirischer Leistungen, während der zweiten 
Hälfte des 19. Jahrhunderts — das Beispiel der gewaltigen Schriften 
reihe des „Vereins für Sozialpolitik“ sagt hier das Beste — gedeiht 
die Auffassung, die alle Wirtschaft richtig als Leben zu packen sucht, 
endgültig zur Reife! WilhelmRoscher, der selber in theoretischen 
Dingen von naivster Wortgläubigkeit umfangen blieb, hat eigentlich 
nicht viel mehr als den äußeren Anstoß dazu gegeben. Den Geist 
steuerte Bruno Hildebrand bei, vor allem aber mein alter Lehrer 
Karl Knies. Sein „schlecht geschriebenes“ Jugendwerk — allerdings 
taumelt und stolpert da der Ausdruck über die Fülle der Gedanken 
— trägt wohl das Hauptverdienst daran, wenn sich die deutsche 
Nationalökonomie gleich in ihrem eigenen Bereich zu jener Läuterung 
durchrang, die anderwärts ganz andere und krumme Wege einschlagen 
mußte. Um es vorgreifend anzudeuten: Soziologie, als „Forderung“, 
hat sich bei uns zuerst in der Nationalökonomie selber durchgesetzt, 
hi deren empirischen Teilen, unbekümmert um die rückständige Theorie; 
während in anderen Ländern das Schwergewicht einer orthodoxen 
Theorie dazu führte, daß sich Soziologie bloß neben der National- 
v. Gottl-Ottlilienfeld, Wirtschaft als Leben. 39
	        
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