Soziologische Zusammenhänge, X.
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das ganze Verfahren des „Abhorchens“ doch etwas zu kindisch, um
der Probleme habhaft zu werden, die von solchen Worten „vertreten“
sind; jene unausgesprochen bleibenden Probleme also, die gleichsam
hinter dem Worte heraus, als „transverbale“ Einflüsse, unser Denken
umgarnen. Wer sich der so zu verstehenden „Herrschaft des Wortes“
zu entwinden sucht, muß schon sachlichere Wege gehen. Beiläufig
gesagt, hat einst in der gleichen Richtung auch Eugen v. Böhm-
Bawerk nicht einfach den Weg des „Abhorchens“ beschriften; er
hat vielmehr den Gedankengängen zahlloser der „Kapital- und Zins
theorien“ selber kritisch nachgespürt, auf der Suche nach den ein
schlägigen Problemen.
Diese Existenz von problemvertretenden Worten, gleich den
nationalökonomischen „Grundbegriffen“, führt zu einem köstlichen Ver
hältnis : dank einem solchen Worte ist nämlich der Denkende, soweit
er theoretische Aspirationen hegt, in der verhängnisvoll glücklichen
Lage, sich über sein Problem auszuschweigen, indem er einfach ein
Wort ausspricht! Dies geschieht dann natürlich in fragender Form,
z. B.: „Was ist Kapital?“ Bevor ein Wort diese problemvertretende
Kraft erlangt, muß wohl eine lange Geschichte seiner theoretischen
Verwendung hinter ihm liegen. Offenbar braucht es seine Zeit, bis
sich derlei „Bahnungen“ des theoretischen Gedankenverlaufs gestalten.
Dann aber genügt es, daß man gleichsam nur auf den Knopf dieses
Wortes drückt, und das theoretische Denken ist sofort auf ganz be
stimmte Probleme eingestellt. Von diesen erbaulichen Dingen hat
nicht nur die „gute alte Logik“, der ich es einst vorwarf, keine Ahnung;
davon weiß auch manche sehr neue „Wissenschaftslehre“ nichts. Mehr
als eine nimmt nicht minder unsere famosen „Grundbegriffe“ als Be
griffe ernst, als Worte, deren fester Denkinhalt mindestens Postulat
wäre; statt hinter diesen einfachen Witz der theoretischen Sprache
zu kommen, daß hier überhaupt nur bloße Richtungen der theoretischen
Denkbewegung ausgesteckt sind.
Im Grunde gilt nun auch von dem Worte „Soziologie Ähnliches.
Freilich nicht für den Alltag. Im Leben draußen ist das Wort schlecht
hin ein Unbegriff, Wortmarke einer Wissenschaft, die eben deshalb,
weil niemand was Rechtes von ihr weiß, so sehr an Reiz gewinnt.
Wozu noch der Stachel beiträgt von der platten Wortdeutung her;
denn im Durchschnitt dürften wohl die einen mit geheimem Grauen,
die anderen mit geheimen Hoffnungen, beide aber übereinfallend so
etwas wie „Sozialismologie“ herausbuchstabieren. Dagegen wird an
jeden theoretischen Kopf das Wort einfach als Problem anpochen.
Nur legt sich nicht jeder Rechenschaft darüber ab. Es sind natürlich