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„Freiheit vom Worte“,
einer Technik der Behandlung von Tatsachen gemeint, z. B. also im
Sinne der „historischen Methode“, das will sagen des richtigen Um
gangs mit den „Quellen“, sondern in jenem tiefen Sinn, wie sich das
erkennende Denken überhaupt erst darauf einstellt, was ihm das er
fahrende Denken vorlegt. Das hier Gemeinte hat schon angeklungen:
Es gilt, das als Tatbestand richtig Gesehene erst noch richtig als
Problem zu sehen. Dazu gehört mehrerlei. Erstens darf man sich
schon am „Stoff“ nicht vergreifen, nicht also für „Fakten“ an „Daten“,
nicht für die Tatbestände des Zusammenlebens an irgendwelcher
„Natur“, in „psychologistischer“ Unart; aber darüber habe ich mich
längst schon in meinen Aufsätzen „Zur sozialwissenschaftlichen Begriffs
bildung“ ausgesprochen. Zweitens, was hier den Ausschlag gibt, es
müssen wahrhafter Selbstbesinnung abgerungene Probleme sein, worauf
man das Erfahrbare erkennend bezieht!
So weicht jeder Zweifel darüber, wie sich die allwirtschaftliche
Auffassung über die Schwelle des theoretischen Bewußtseins heben
läßt. Sie, die längst schon die beste Empirie unserer Wissenschaft ge
tragen hat, als richtiges Lebensgefühl, soll fernerhin auch die Theorie
beleben, zu sicherer Führung des theoretischen Denkens. Der Weg
nun, diese Auffassung vollbewußt zu hegen, führt offenbar nur über
die Läuterung der fachlichen Problematik! Beim Erarbeiten dieser
Auffassung muß es die Nationalökonomie immerzu nach Klarheit treiben
über ihre Probleme, unentwegt bis zu den grundlegendsten zurück, und
nach Klarheit auch über den Zusammenhang zwischen ihnen. Als
Ertrag dieser Läuterung der grundlegenden Problematik darf es noch
nicht gelten, daß man je den verschiedenen „Grundbegriffen“ entlang
einzeln nach den Problemen tastet, um dergestalt den verhängnisvollen
„Ausgang vom Worte“ Schritt um Schritt zu überwinden. Vom
Schweiß ihres mühseligen Werdeganges darf ja dem Abschluß einer
Sache nichts mehr ankleben. Ganz grundsätzlich und in einem Zuge
muß das Aufrollen dieser tiefsten Probleme geschehen.
Derlei Arbeit an ihr selber erscheint selbst für eine Erfahrungs
wissenschaft, die so inniglich wie die Nationalökonomie dem Leben
verwachsen ist, zwingend geboten. Vorerst ist es freilich nur auf die
Wissenschaft abgesehen, revidiert man ihre Problematik. In ihren
Problemen lebt ja eine Wissenschaft ihr tiefstes Leben, und sie erlebt
in deren Läuterung ihre eigene Reife. Für die Wissenschaft selber
gipfeln auch alle Versuche, ihre Probleme zu lösen, abermals nur darin,
diese Probleme selber zu läutern und ihres Zusammenhanges sicherer
zu werden. Doch nur scheinbar ist dies „l’art pour l’art“ gedacht.
Das praktische Leben allerdings heischt Lösungen und harrt dieser