Full text : Wirtschaft als Leben

68o

,Die  Wirtschaftliche  Dimension“,

in  dem  Maße  nach,  als  sie  sich  frei  ringt  von  den  Vorurteilen  der  Gesinnung. ­
  Je  wilder  bewegt  die  Wirtschaft  einer  Zeit,  desto  bedürftiger
ist  sie  eines  solchen  geistigen  Arsenals,  desto  mahnender  die  Forderung,
es  zu  schaffen.
Wäre  damit  nicht  gleich  auch  der  zweiten  Einrede  begegnet?
Wenn  das  Leben  selber  nach  Wissenschaft  verlangt,  Wissenschaft  sich
aber  an  Erkenntnis,  Erkenntnis  an  gesinnungsfreies  Denken  bindet,
darf  man  da  weiter  noch  fragen,  ob  es  anders  auch  sein  soll,  als  es
heute  unter  der  Herrschaft  des  Wortes  ist?  Allein,  als  eine  vernehmbare ­
  Stimme  unserer  Zeit  ist  diese  zweite  Einrede  keineswegs  von  so
einfachem  geistigen  Klang,  um  die  Dissonanz  zu  ihr  so  eins  zwei  durch
ein  logisches  Räsonnement  aufzulösen.  Wenn  es  bloß  der  Vorwurf
wäre,  daß  Wissenschaft  um  so  farbloser  und  innerlich  kälter  wird,  je
geflissentlicher  sie  sich  von  aller  Gesinnung  löst,  dem  würde  man  leicht
begegnen  können.  Dieser  Vorwurf  träfe  doch  nur  die  Persönlichkeit,
die  Wissenschaft  zu  treiben  hat,  nicht  aber  die  Art,  in  der  Wissenschaft ­
  zu  treiben  ist  I  Persönlichkeit  ohne  Gesinnung,  nein.  Das  wissenschaftliche ­
  Denken  aber  wäre  ein  armselig  Ding,  stünde  es  in  Farbe
und  Wärme  stets  nur  einer  Gesinnung  zu  Lehen.  Je  gesinnungsfreier
das  Denken,  um  so  mehr  ist  es  etwas  schwer  Erkämpftes,  dieser  Kampf
aber  ohne  Leidenschaft  kaum  zu  führen.  Ist  diese  Leidenschaft  wahrhafter ­
  Erkenntnis  noch  gar  nicht  erwacht,  gibt  sich  das  Denken  noch
blindlings  dem  Worte  preis,  dann  freilich  muß  es  Farbe  und  Wärme
von  der  Gesinnung  erborgen,  der  es  ausgeliefert  bleibt.  Je  hinreißender
sich  naive  Theorie  aufspielt,  desto  mehr  zahlt  sie  mit  dieser  falschen
Münze.  Just  in  unserer  Wissenschaft  ist  es  immer  noch  der  sicherste
Weg  zum  „Namen“,  daß  man  irgendeiner  gesinnungsmäßigen  Entwicklung ­
  laut  schreiend  vorausläuft.  Bald  dem  „Freihandel“,  bald  dem
„Schutzzoll“,  bald  der  „Hebung  der  unteren  Klassen“,  bald  der  „Erhaltung
der  Substanz“.  Mit  Wissenschaft  hat  dies  nichts  zu  schaffen.  Wissenschaft ­
  steht  höher,  um  bloß  das  Megaphon  für  Gesinnungen  zu  spielen.
Die  zweite  Einrede,  richtig  verstanden,  führt  übrigens  viel  zu  sehr
in  die  letzten  Tiefen  der  Zeit,  unmöglich  läßt  sich  ihr  hier  Rede  stehen.
Was  aus  ihr  spricht,  ist  innere  Abkehr  von  der  Wissenschaft,  wie  sie
ist,  oder  gar  von  Wissenschaft  überhaupt.  Gerade  nur  soviel  in  diesem
Zusammenhang,  daß  weder  das  Eine,  noch  das  Andere  ganz  unverständlich ­
  erscheint.
An  der  Abkehr  von  der  Wissenschaft,  wie  sie  ist,  trägt  diese  wohl
auch  selber,  und  nicht  zuletzt  unser  Fach,  die  Schuld.  Wie  schwer
wiegt  allein  schon  der  Umstand,  daß  sich  mit  der  Naivität  des  wortgebundenen ­
  Erkennens  eine  weitere  Kinderkrankheit  verbindet:  die
            
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